Meinung : Stammzellen-Import: Ein besonderer Weg - kein Sonderweg

Willkommen, Ihr embryonalen Stammzellen bei uns in Deutschland. Das heißt: Noch dürft Ihr gar nicht kommen, weil für Euch erst noch ein Einreisegesetz verabschiedet werden soll. Und eigentlich müsste man auch "unherzlich Willkommen" sagen, denn das, was der Bundestag am Mittwoch mit großer Mehrheit beschlossen hat, ist keine Einladung, die von Herzen kommt. Es ist ein murrendes Wenn-es-denn-sein-muss - alles andere als ein Bekenntnis zur embryonalen Stammzellforschung in Deutschland.

Zum Thema Dokumentation: Die Debatte um die Stammzellen-Forschung
Stichwort: Embryonale und adulte Stammzellen
Leider haben jene Stammzellen, die viele Forscher für Wunderwaffen im Kampf gegen bislang unheilbare Krankheiten halten, einen Geburtsfehler. Leider mussten erst Embryonen sterben, bevor sie zur wissenschaftlich heiß begehrten Ware werden konnten. Auch deshalb soll ihr Import nur in Ausnahmefällen erlaubt, sollen strenge Auflagen formuliert werden, die zum Ziel haben, dass keine weiteren Embryonen zum Zwecke der Forschung getötet werden - auch im Ausland nicht.

Ein prinzipielles Nein mit praktischem Ja also. Unbefriedigend, gewiss, aber nicht verachtenswert. Nein, da wurde kein deutscher Sonderweg eingeschlagen, sondern ein besonderer deutscher Weg. Der Bundestag fasste einen Beschluss, der integrieren statt spalten wird, der Lebensschützer und auf Heilung Hoffende versöhnen kann. Keine saubere, keine eindeutige Lösung, aber ein tragfähiger Kompromiss.

Gewiss bedeutet diese Entscheidung auch einen Vertrauensvorschuss an die Forscher. Die haben versichert, dass sie die Embryo-Zellen nur zur Grundlagenforschung benötigen, für begrenzte Zeit, um mehr über das Potenzial anderer Stammzellen herauszufinden, deren Nutzung ethisch unbedenklich sind. Vielleicht ist dies auch der Tag, an dem das große Misstrauen gegen die Forscher in Deutschland sein Ende fand. Zwar geht es auch ihnen um Ruhm, Erfolg und Geld - dies auszublenden, wie der Kanzler es in der Debatte getan hat, wäre falsch. Dennoch haben sich die deutschen Forscher bislang an Recht und Gesetz gehalten. Der Bonner Hirnforscher Brüstle etwa hat die ES-Zellen nicht eigenmächtig importiert, obwohl man sie bislang so leicht nach Deutschland hätte holen können wie ein Gramm Marihuana aus Holland. Wobei der Marihuana-Import strafbar ist, der Stammzell-Import dagegen noch legal.

Die gestern beschlossene Regelung des Stammzellimports nach Deutschland ist nicht der oft zitierte Dammbruch. Wenn, dann hatte jener Damm bereits vor diesem Mittwoch Risse, die man mit dem Kompromissantrag eher kittet, denn vergrößert. Trotzdem bleibt die Sorge, dass der Import nur der erste Schritt hin zu einer verbrauchenden Embryonenforschung ist. Was passiert, wenn die Forscher uns bald erzählen, dass die im Ausland bereits etablierten Stammzelllinien nicht den Ansprüchen genügen? Wird man auch in Deutschland überzählige Embryonen töten?

Die Gefahr ist gering. Wer dies dennoch befürchtet, hat wenig Vertrauen in das Parlament, das dafür das Embryonenschutzgesetz ändern müsste. Am Mittwoch aber hat sich eine große Mehrheit gegen diesen Wertewandel ausgesprochen. Zudem wird gerne vergessen, dass es gar nicht darum geht, in Deutschland einen florierenden, weltweit führenden Forschungszweig aufzubauen. Dafür käme der Einstieg in die embryonale Stammzellforschung schon jetzt zu spät. Nein, der Kompromiss ist vor allem eine moralische Investition in die Zukunft: Sollte die umstrittene Forschung jene Erfolge bringen, die Optimisten erwarten, dann könnten in zehn, fünfzehn Jahren die ersten Therapien zur Behandlung bisher unheilbarer Krankheiten auf dem Markt sein. Würde man die Arbeit mit den Embryo-Stammzellen nun komplett verteufeln, müsste man den Deutschen künftig die daraus hervorgegangenen Therapien verweigern.

Aus diesem Dilemma hat sich der Bundestag befreit. Er konnte sich zugleich ein größeres Mitspracherecht in der internationalen Debatte sichern. Denn wer die weitere Tötung von Embryonen zu Forschungszwecken wirklich verhindern will, darf sich mit einer nationalen Lösung nicht zufrieden geben, der muss auf internationale Regeln drängen. Die Debatte geht weiter.

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