Meinung : Starke Rede, schwacher Protest

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TRIALOG

Am Mittwoch bin ich ahnungslos abends in die Reste der Anti-Bush-Demonstration geraten, als sie gerade am Umkippen war. Eine seltsame Szenerie. Auf der Straße die Kulturverweigerer im Punker-Look, die mit den Hufen scharrten. Es folgten schon ein paar Flaschen (freundlicherweise Plastikflaschen) in Richtung Polizei, die sich aber nicht aus der Ruhe bringen ließ. Und mehr am Rande melancholische Gestalten, schon etwas in die Jahre gekommen und wie für einen Wandertag ausstaffiert, die immer noch andächtig dem Redner lauschten, auch artig Beifall klatschten, als merkten sie nicht, dass sich da etwas zusammenbraut, was sie nicht bestellt hatten. Zwischendrin die Kamerateams, damit uns im Wohnzimmer ja nichts vom Weltbewegenden entgeht.

Für Donnerstag war die größte Demonstration gegen „den Krieg" angekündigt. Als Cowboy sollte Bush verhöhnt werden. Es kamen aber bloß schlappe zweitausend. Da sie demonstrieren mussten, konnten sie nicht hören, dass der amerikanische Präsident selbst einiges von dem sagte, was sie ihm protestierend entgegenschleudern wollten. Man könne den Terrorismus nicht nur militärisch bekämpfen, man müsse auch etwas gegen Armut und für Bildung tun. Die USA suchen die Kooperation mit den Verbündeten und planen keine Alleingänge. Mit Russland stehe ein großer Schritt zur atomaren Abrüstung bevor und eine engere Kooperation mit der Nato.

Vertreter aller Parteien haben die Rede gelobt, nur die PDS hat sich blamiert, was ich ihr gönne. Deutschland macht Fortschritte auf dem schwierigen Weg zur Normalität. Manche unserer Medien scheint das zu enttäuschen. Sie hätten wohl lieber das Land im Aufruhr gezeigt, nachdem sie dergleichen fälschlich angekündigt hatten.

In aller Freundschaft muss man den USA auch Kritisches sagen. Der Bundestagspräsident hat das getan. Aber den Hochmut, mit dem manche den Präsidenten der USA, hinter dem ein beachtliches Beraterteam steht, als Cowboy verspotten, finde ich provinziell. Dass der rheinländische Generalsuperintendent von Cottbus unter Wiederholungszwang die antiamerikanische Platte aus den Zeiten der westlichen Friedensbewegung auflegt, ist mir als Mitglied derselben Kirche peinlich.

Ohne Bush Senior wäre die deutsche Einheit nicht zustande gekommen. Mitterrand und Thatcher hätten sie von sich aus nicht auf den Weg gebracht. Das kann ich den USA nicht vergessen.

Die USA haben ein Problem. Das wirtschaftlich und militärisch stärkste Land der Welt könnte sich auf Wilhelm Tells Devise zurückziehen: „Der Starke ist am mächtigsten allein." Statt die USA als „Weltpolizist" zu kritisieren, sollten wir froh sein, dass sie sich im Nahostkonflikt und im Konflikt zwischen Indien und Pakistan engagieren, denn niemand kann sie in diesen schwierigen und keineswegs erfolgsgarantierten Rollen ersetzen. Ohne das Engagement der USA hätte auch der Balkankonflikt nicht leidlich befriedet werden können. Und Amerikas Kampf gegen den Terrorismus ist wahrhaftig keine fixe Idee.

Ich bin sicher: Ein einziges Selbstmordattentat in Deutschland würde die Stimmung sofort umschlagen lassen, von Schlimmerem zu schweigen. Auch in Frankfurt am Main gibt es Hochhäuser, in die ein Flugzeug rasen könnte. Muss das erst passieren, ehe wir begreifen, dass die Gefahr dieses Terrorismus keine fixe Idee der Amerikaner ist?

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität und Sozialdemokrat. Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Antje Vollmer und Wolfgang Schäuble.

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