Stasi und Nichtstasi : Verzeihende Offenheit

Brandenburg hat’s wirklich nötig, könnte man sagen: Kurz nachdem das Land endlich einen Stasi-Beauftragten bekommt, fliegt auf, dass 100 Ex-Stasileute im Landeskriminalamt arbeiten. Und nun? Verzeihen, damit ein Anfang sei, hat Hannah Arendt gesagt. Wenn wir es in ihrem Sinn verstehen, dann gehört es zur Aufarbeitung wie die Akten, die geöffnet bleiben sollen.

Tissy Bruns

Knapp 20 Jahre danach bekommt Brandenburg einen Stasi-Beauftragten. Unmittelbar nach dem entsprechenden Beschluss des Landtags fliegt auf, dass etwa 100 ehemalige Stasi-Leute heute im Landeskriminalamt arbeiten, einige in hohen Funktionen. Angesichts der in den frühen 1990er Jahren dort gängigen Praxis der Nichtüberprüfung eigentlich keine Überraschung. Galt ein ehemaliger Ministerpräsident nicht als IM? Brandenburg hat’s wirklich nötig, könnte man sagen, holt nach, was damals versäumt wurde, überprüft ...

Ja, und dann? Unter den 100 sind mit Sicherheit einige, die wegen ihrer Vergangenheit nicht in den öffentlichen Dienst gehört hätten. Aber vermutlich, zumal unter den Jüngeren, auch andere, denen man nach 20 Jahren unbeanstandeter Tätigkeit nicht absprechen kann, dass sie sich in der Demokratie verändert und bewährt haben. Gleich ist bei den 100 die ehemalige Stasi-Tätigkeit, unterschiedlich aber der Grad ihrer Täter- oder Mitläuferschaft, ihrer Reue oder Verbohrtheit. Darüber, ob sie ihre Stellen behalten können, kann nicht pauschal, darüber muss im konkreten Fall geurteilt werden.

Zwanzig Jahre nach 1945 hat sich in der alten Bundesrepublik der Aufstand erst angekündigt, mit dem die Nachgeborenen das Schweigen über die Nazi-Diktatur beenden wollten. Aufarbeitung? Nur nicht zurückblicken, überleben, weitermachen wollten die demoralisierten Deutschen. Nach einer oberflächlichen Persilschein-Entnazifizierung durch die Alliierten hat Konrad Adenauer den Westdeutschen die Arme weit geöffnet: Wer künftig Demokrat sein will, kann kommen. Und es kamen Menschen, die angepackt und die Trümmer beseitigt haben. Adenauer hat eine demokratische Erfolgsgeschichte eingeleitet. Sie hatte ihren Preis. Im Kanzleramt saß Globke, in Gerichten, Universitäten, Kinderheimen blieben Nazis auf ihren Posten. Die späten Wahrheiten wurden mit Schmerzen und Verletzungen auch in engsten familiären Beziehungen bezahlt.

Nach dem Fall der Mauer war Aufarbeitung das Wort der Stunde, auch als Lehre aus den Fehlern der Bundesrepublik. Anders als in vielen postkommunistischen Ländern macht die Birthler-Behörde den Opfern mit den geöffneten Akten ihre Geschichte zugänglich. Doch einen Preis hat offensichtlich auch dieser Weg der Transformation in die Demokratie. In Adenauers Bundesrepublik gab es ein Volk der Täter, Mitläufer, Opfer. Nach 1989, im vereinten Deutschland, gab es zwei, von denen das eine sich gewissermaßen demokratisch clean fühlte, während das andere sich erst in die Demokratie aufmachte. In anderen osteuropäischen Transformationsstaaten war die Öffentlichkeit, die über Täter, Mitläufer, Opfer diskutierte und urteilte, die neu gewonnene Öffentlichkeit von Menschen aus einer Diktatur. Die für die Ostdeutschen war westdeutsch geprägt und neigte schon aus Unkenntnis zu Pauschalurteilen. Wer als Stasi oder IM enttarnt ist, kann auf ein differenziertes Urteil über seine individuelle Schuld bis heute viel weniger zählen als ein westdeutscher Außenminister über seine Straßenkämpferzeit oder die Autorin dieses Textes über ihre langjährige DKP-Mitgliedschaft. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, haben deshalb auch Ostdeutsche, die keine Nähe zur SED hatten.

Verzeihen, damit ein Anfang sei, hat Hannah Arendt gesagt. Wenn wir es in ihrem Sinn verstehen, als Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit des Getanen, dann gehört es zur Aufarbeitung wie die Akten, die geöffnet bleiben sollen.

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