Meinung : Status geht vor Standards

Im Kosovo hat der Westen eine falsche Strategie gewählt

Caroline Fetscher

So richtig vergnügt war auf Michael Steiners Abschiedsparty vielleicht nur eine Person unter den Kosovo-Albanern: Bukurie Gjonbalai, eine junge Übersetzerin, von der es heißt, sie sei so klug wie schön. Als Verlobte folgt sie dem „König von Kosovo" in eine Villa am Genfer See, wo der bisherige UN-Verwalter im Kosovo, Steiner, fortan als Leiter der deutschen Vertretung bei den Vereinten Nationen wirken soll. Soweit das Happy End. Der andere, der gewichtigere Teil der Geschichte klingt weniger happy.

Nach vier Jahren unter UN-Schutzherrschaft ist im Kosovo die Unzufriedenheit der Nachkriegszeit auf dem Gipfelpunkt angelangt. Ja, es wird nicht mehr geschossen und gebrandschatzt. Aber sechzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind arbeitslos. Ausländische Investoren werden dringend gebraucht, wagen aber den Schritt nicht, solange im Kosovo Kriminalität und Rechtsunsicherheit zu Hause sind. Serben fühlen sich nicht am öffentlichen Leben beteiligt, Albaner durch fortgesetzte Belgrader Ansprüche auf die – nominell noch immer südserbische – Provinz bedrängt und eingeschränkt.

Die im Sommer ausgehandelte UN-Resolution 1244, die den bewaffneten Konflikt zwischen Albanern und Serben ebenso beendete wie die militärische Intervention durch die Nato, ließ eine zentrale Frage absichtlich unberührt: die nach der Unabhängigkeit. Vom Beginn seines Amtsantrittes als Chef der Unmik (United Nations Mission in Kosovo) versuchte Michael Steiner aus der Not eine Tugend zu machen: Standards gehen vor Status. Der endgültige Status werde erst entschieden, wenn die Standards von Institution-Buildung, Demokratie und Rechtsstaat erfüllt seien, inklusive Minderheitenrechte in Polizei, Schule, Gericht. Dann reden wir über den Status. Damit befand sich Steiner im Einklang mit der EU, die jede Statusdebatte nahezu panisch zu meiden sucht. Inzwischen allerdings zeigt sich, dass der klug klingende Gedanke in der Praxis lähmend wirkt. Dass den zwei Millionen Kosovaren immer noch stundenweise der Strom fehlt, ist nur ein Symptom unter vielen.

Wo immer die Unmik kosovarischen Institutionen mehr Autonomie und Spielraum gab, echot es „Alarm!" aus Serbien, das „sein Amselfeld" in andere Hände übergehen sieht. Wo die Unmik Investoren anlocken möchte, sind Besitzverhältnisse ungeklärt. Will die Unmik zu Eigeninitiative animieren, verharren viele Albaner in Verweigerung: Warum sollen sie sich engagieren, wenn in absehbarer Zeit der Ertrag und die Steuern wieder nach Belgrad fließen, den Aggressor von gestern, der doch seinen Anspruch auf die Provinz durch das Morden verspielt habe? So regieren tausende hoch bezahlter UN-Beamte frustriert vor sich hin, klagen über Korruption oder nehmen an ihr teil, verdienen im Durchschnitt zehn Mal so viel wie die „Locals", binden die Fachkräfte des Landes in ihrer Administration, ziehen mit vollen Konten wieder ab, während das nächste Interimsteam eingewechselt wird.

In Amerika ist man längst realistischer als in der EU. Wer sich in Washington mit dem Thema Kosovo befasst, macht kaum einen Hehl mehr daraus, dass Unabhängigkeit bald ganz oben auf der Agenda steht. Es wird Zeit, dass die EU diesem Pragmatismus folgt und nicht länger die Augen verschließt, ja zukneift, in der Hoffnung, Kosovo ließe sich noch einmal nahtlos in Serbien-Montenegro eingliedern. Doch mit der Perspektive ist es vorbei. Je eher man sich von dieser politischen Illusion verabschiedet, desto konstruktiver kann das Kosovo-Modell des Nation-Building doch noch werden. Die so genannte „international community" ist den Albanern schuldig, dass dies keine Farce bleibt.

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