Stefan Aust : „Viele hätten mir maximal zehn Monate gegeben“

An der publizistischen Schwergewichtsklasse des Spiegel-Chefs gibt es nichts zu deuteln.

Joachim Huber

Von „Focus“-Chef Helmut Markwort wird ein Bonmot kolportiert. Wenn Stefan Aust den „Spiegel“ verlasse, dann werde er, Markwort, ein paar Flaschen Champagner öffnen. Jetzt muss Aust gehen, spätestens zum 31. Dezember 2008. Im Markwort-Spruch aus München steckt ein dickes Kompliment für den Antipoden aus Hamburg. Während der „Spiegel“-Chefredaktion von Stefan Aust – 1994 inthronisiert noch von Rudolf Augstein, dem ersten Journalisten der Bundesrepublik – hat das Nachrichtenmagazin allen Anzeigen- und Auflagenkrisen getrotzt, die Jahresgewinne sind stets üppig geblieben.

Aust wäre nicht Aust, wenn er den Verantwortlichen dafür nicht sofort erkannt hätte – Stefan Aust. Zu seinem zehnjährigen „Dienstjubiläum“ hat der Blattmacher gesagt: „Viele hätten mir nicht zehn Jahre, sondern maximal zehn Monate gegeben, oder hätten die Befürchtung gehabt, dass, bliebe ich länger, der ,Spiegel‘ nicht mehr das größte Nachrichtenmagazin ist.“ An der publizistischen Schwergewichtsklasse gibt es nichts zu deuteln. „Der Spiegel“ erscheint in Hamburg, der Stadt, in der der heute 61-jährige Journalist und Publizist seit jeher gearbeitet hat.

Der Mann aus Stade schrieb seit 1966 eine Zeit lang für die Linkspostille „Konkret“ und dann für die „St.-Pauli-Nachrichten“, wo die Revolution auf jeden Fall eine sexuelle war. Progressiv hieß damals unbedingt links, also war der Weg zum Politmagazin „Panorama“ des NDR nicht weit. Die Terrorjahre der Rote-Armee-Fraktion (RAF) hat Aust hautnah miterlebt, er war es, der die verschleppten Zwillinge der Ulrike Meinhof in einer Nachtund-Nebel-Aktion in Sizilien befreite. Mit seinem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat Aust ein Standardwerk zur Zeit geschrieben, gerade wieder Grundlage für eine NDR-Dokumentation und für den Bernd-Eichinger-Film in Arbeit. RAF, die Aufarbeitung der Nazizeit, das Stasisystem, die 68er – der Journalist Aust war immer auch ein Zeitzeuge, beinahe ein Zeithistoriker.

Beim „Spiegel“ und noch mehr bei seinem „Kind“ Spiegel-TV hat er diese Themen im steten Kreislauf behandelt und behandeln lassen. Wo Aust Chef ist, da herrscht er. Mit harter Hand, seine nicht wenigen Feinde sagen, mit diktatorischer Attitüde. Aber wenn einer Führungsanspruch und politisch-publizistisches Bewusstsein verkörpert, dann ist es Stefan Aust. Nebenbei züchtet der Sohn eines Landwirts nicht ohne Erfolg Pferde. Joachim Huber

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