Meinung : Steigende Preise: Kehrt die Inflation zurück?

Ein Gespenst geht wieder um: die Teuerung. Beunruhigende 3,5 Prozent höhere Preise für uns Konsumenten in nur einem Jahr meldet das Statistische Bundesamt. Das ist der höchste Stand seit Dezember 1993. Noch stärker sind die Produzentenpreise nach oben geschossen: um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die stärkste Preissteigerung seit zwanzig Jahren. Erst erschlafft die wirtschaftliche Dynamik, jetzt die alarmierenden Nachrichten von der Inflationsfront: Was geht hier vor?

Lange hatte es so ausgesehen, als sei die Inflation ein Phänomen der Vergangenheit. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler waren sich einig: Das Gespenst Inflation sei vertrieben, und sollte es je wieder auftauchen, wisse man sich zu helfen. Die Geldmengensteuerung sei eine zuverlässige Waffe. Und tatsächlich waren die Jahre seit Maastricht erfolgreiche Jahre stetig zurückgehender Inflationsraten. Länder wie Frankreich, früher immer problematisch, waren plötzlich Musterknaben in Sachen Preisstabilität. Auch heute erreicht die französische Teuerung nur zwei Prozent. Die Vereinigten Staaten glaubten bis vor kurzem, ein Abonnement auf fortdauerndes, inflationsfreies Wachstum zu haben - und Japan wünscht sich heute sogar etwas mehr von diesem süßen Gift Inflation, um aus der Stagnation und einer leichten Deflation zu entkommen.

Was sind die Gründe für den Teuerungsschub? Höhere Preise, sagen die Statistiker, vor allem bei Nahrungsmitteln, bei Haushaltsenergie und bei Treibstoffen. Anders ausgedrückt: Euro, Opec, Bundesregierung. Der billigere Euro lässt die Preise für Importe kräftig steigen - importierte Inflation nennt man das. Dagegen könnte die Europäische Zentralbank theoretisch höhere Zinsen setzen - wenn das die Konjunktur nicht weiter dämpfen und damit den Euro schwächen würde. Eine Zwickmühle. Deshalb ist eine Heraufsetzung der Leitzinsen zur Inflationsbekämpfung im Euroland jetzt kein gutes Rezept.

Die Opec verhält sich vernünftig, nicht nur als Kartell, sondern als Verwalter begrenzter Ressourcen. Höhere Ölpreise fördern den sparsamen Umgang mit diesem kostbaren Rohstoff und beschleunigen das Umsteigen auf andere Energien. Dieser Teil der Teuerung ist - so seltsam das klingt - willkommen. Jeder Ausgleich dieser Inflation hemmt die gewünschte Entwicklung. Bleibt also die deutsche Regierung als "Inflationszünder". Über den Sinn der Ökosteuern ist genügend gestritten worden. Wer sie will, der will auch höhere Preise. Sie werden gebraucht, um zu lenken.

Was ist jetzt angesichts der Teuerung zu tun? Erstens muss man die Zahlen und die Auslöser für die Preissteigerungen sehr genau ansehen. Wir haben es nicht mit einer klassischen Inflation zu tun, die aus einer überhitzten Konjunktur entsteht, in der eine überbordende Nachfrage den Anbietern Spielräume für größere Preissteigerungen eröffnet. Im Gegenteil, die Konjunktur läuft nur noch mit halber Kraft. Die Preissteigerungen kommen überwiegend von der Kostenseite. Einige Preissignale für Energie sollen die Nachfrage bremsen und strukturell lenken. Sie durch höhere Löhne auszugleichen, wäre wie Gasgeben und Bremsen zugleich.

Richtig alarmierend sind die neuen Zahlen also nicht. Beunruhigend wäre, wenn sie falsch gelesen würden. Ein breiter Kosten- und Preisschub, der jetzt mit dem Argument der hohen Inflation von der Lohnfront käme - der allerdings wäre dann wirklich alarmierend. Dann könnte die Regierung Schröder alle Hoffnung fahren lassen, im Herbst des nächsten Jahres ein freundliches wirtschaftliches Umfeld für die Wahlen vorzufinden.

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