Steinbrücks Äußerungen : Clowns sind auch nur Menschen

Alle sind empört über Peer Steinbrück, aber warum bloß? Eigentlich hat der SPD-Kanzlerkandidat mit seinen Worten doch gar niemanden geschmäht.

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Der Verlauf seiner Wahlkampagne gibt für SPD-Kandidat Peer Steinbrück im Moment eher wenig Grund zum Lachen.
Der Verlauf seiner Wahlkampagne gibt für SPD-Kandidat Peer Steinbrück im Moment eher wenig Grund zum Lachen.Foto: dpa

Natürlich hatte Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano recht. Er konnte mit dem deutschen SPD-Kanzlerkandidaten im Berliner „Adlon“ nicht mehr traulich dinieren. Nicht nachdem Peer Steinbrück die beiden Beinahesieger der italienischen Wahlen just zuvor als „Clowns“ bezeichnet hatte. Das ist sofort als großmächtig großmäulige, großdeutsche Einmischung nach Rom kolportiert worden. Und dazu die Bilder von einem Berliner Tête-à-tête Napolitanos mit Steinbrück – sie hätten im innenpolitischen römischen Ränkespiel die Position des als integer und überparteilich geschätzten Staatspräsidenten geschwächt. Napolitano muss sich mindestens für ein mögliche Einbeziehung des vielleicht nicht nur populistischen, sondern auch radikaldemokratisch-populären Beppo Grillo den Rücken freihalten.

Gleichwohl: Innerlich wird der altehrwüdige, wertelinke Präsident dem etwas jüngeren deutschen Sozialdemokraten wohl zustimmen. Napolitano darf es in seinem Amt nur nicht sagen.

Und Steinbrück? Der hat eine große lose Klappe, aber kein Amt. Zwar verpflichtet der Titel Kanzlerkandidat nicht dazu, rundum alles, und sei’s noch so undiplomatisch, laut zu denken. Aber was um Himmels willen hat er denn über Berlusconi und Grillo gesagt, dass nun auch gleich ein Teil der deutschen politischen Klasse bierernst ausrastet und von „Fremdschämen“ (Leutheusser-Schnarrenberger) faselt oder andere von „Schmähung“ sprechen?

Ist das Wort „Clown“ für Politiker nur ein Schimpfwort, dann gibt’s Anlass zur Aufklärung. Beppo Grillo bezeichnet seinen bisherigen Hauptberuf als „Komiker“. Im Italienischen ist der „comico“ ein Komödiant oder überhaupt ein Schauspieler. Und ein guter Komiker ist nicht selten ein großer Künstler. Dass gilt für große Clowns nicht weniger: von Oleg Popov bis zum wunderbaren Charlie Rivel. Was Berlusconi angeht, so ist er zwar kein großer Künstler, aber, mal harmlos und ohne Strafregister betrachtet, natürlich ein „buffo“. Auch das ist ein italienischer Komödiant, so hat man ihn schon oft getauft – freilich im Sinne eines eher tristen Komikers. Berlusconi, der nebenberufliche Schlagersänger, wäre selber gerne ein toller Entertainer, nur ist er längst jenseits des Witzes. Insoweit hat ihn Peer Steinbrück schlicht verschätzt.

Denn hätten wir und schon gar die Italiener nur wirklich was zum Lachen! Die Stimmung angesichts des italienischen Wahlergebnisses ähnelt ja schon der eines Begräbnisses. Womit wir noch bei einer tieferen Bedeutung des Wortes Clown sind. Im Englischen meint es den Tölpel, doch Shakespeare nennt im „Hamlet“ beispielsweise die Totengräber Clowns. Wie die Narren sprechen sie vor allem: die Wahrheit. Mit Humor, auch dieses Wort rührt vom Feuchten her, der Humor gründet auf dem Untergründigen und rührt und gräbt darin, irdisch, erdig, clownesk.

Wie man es also dreht und wendet: Recht eigentlich geschmäht hat Peer Steinbrück keinen und niemanden. Nur die Zimperlichen und die Ahnungslosen reagieren, als sei das Wort Clown in den politisch tristen Zeiten nicht schon ein Ehrentitel, zumal für Berlusconi.

Steinbrück hat auf einer Veranstaltung namens „Klartext“ gesagt, was er empfand. Für ihn ist das klare Kante. Die Sache mit dem Clown, die ja auch ein elegant vergiftetes Kompliment hätte sein können, kam (unter heftigem Beifall der Anwesenden) nur als teutonischer Klops hinüber. Weil der Kandidat die Vieldeutigkeit im eigenen Kontext („ich bin entsetzt“) gar nicht kannte oder bedachte.

Das lässt sich als undiplomatisch kritisieren. Aber die biestig geheuchelte Empörung, mit der deutsche Politiker bis hin zu dem offenbar blackoutenden Danny Cohn-Bendit nun auf Steinbrück eindreschen, ist verrückt. Auch die Italiener, die zumindest in der Politik noch weniger Humor als die Deutschen besitzen, müssten sich da eigentlich wundern. Wenn sie bedenken, wie Berlusconi und Grillo über Merkel und Schäuble hergezogen sind. Da können wir nur lachen. Und – haha sagt der Clown.

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