Sterbehilfe : Wir sind so frei

Es ist ein Hohn, unter welchen Bedingungen in Deutschland Menschen oft sterben müssen. Doch nichts und niemand gibt einem das Recht, dem Tod die Tür zu einem anderen Menschen aufzuschließen. Der Tod ist eine Grenzerfahrung. Man erfährt durch ihn auch eigene Grenzen.

Ein Kommentar von Malte Lehming

Man könnte zynisch sein und konstatieren: Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass in einem Land, dessen Geburtenrate im internationalen Vergleich unter 224 Ländern auf Platz 222 liegt, derart intensiv übers Sterben nachgedacht wird wie hier. Statistisch ist uns Deutschen das Ende des Daseins näher als dessen Anfang – und die Sorge über die Rentenkasse größer als die über die Höhe des Kindergeldes. An der „Kultur des Todes“ wird kunstvoll gewerkelt, die „Kultur des Lebens“ in die Dunkelkammer geschoben. Ein Volk, das vergreist, investiert mehr Geld in die Palliativmedizin als in Formen der künstlichen Befruchtung für jene Paare, die nicht auf natürlichem Wege Nachwuchs zeugen können. Solche Prioritäten sind verräterisch.

Nun soll das eine nicht gegen das andere ausgespielt werden, Jung nicht gegen Alt, Geburt nicht gegen Tod, Hoffnung nicht gegen Hoffnungslosigkeit. Doch als Indikator darf die erregte „Sterbehilfe“-Debatte durchaus gelten. Sie lehrt sowohl, wie abhängig moralische Diskurse von der Gesamtverfasstheit einer Gesellschaft sind, als auch, wie willkürlich Moralität oft neu definiert wird.

Wer die Werte umwerten will, wortet zunächst die Worte um. Es beginnt beim Begriff „Sterbehilfe“. Was einmal mit dem Bild eines Angehörigen oder Freundes begann, der die Hand des Sterbenden hielt, bis dieser verschied, wird heute – unter bewusster Benutzung der positiven Konnotation, etwa in der Kombination „aktive Sterbehilfe“ – ungeniert für die Tötung eines Menschen gebraucht. Wer den Unterschied vernebeln will zwischen Sterbebegleitung und Umbringen, sucht Zuflucht in dem ach so wohltätig klingenden Wort „Sterbehilfe“. Eine sich moralisch gebärdende Mogelei.

Überhaupt: Es fällt auf, dass jene am lautesten sich auf die Moral berufen, die zur Selbsttötung eines Menschen straffrei beitragen möchten. Sie wollen dies unter Berufung auf Menschlichkeit und Barmherzigkeit, berufen sich auf die Würde und die Selbstbestimmung. Sie beschreiben detailliert das Leiden von Todkranken, malen es in Einzelheiten aus – und erinnern in ihrem Eifer und ihrer Ausmalungswut an jene strikten Abtreibungsgegner, die beim Fötus stets bestrebt sind, diesem alle menschlichen Fähigkeiten nachweisen zu können.

Diesen Vergleich werden Sterbehilfe-Befürworter nicht gerne hören. Denn viele von ihnen sind zugleich Abtreibungsbefürworter. Es ist paradox: Die alten, unheilbar Kranken sollen unter Berufung auf Menschlichkeit und Barmherzigkeit ebenso in den Tod geschickt werden dürfen wie die jungen, ganz gesunden Föten. Vielleicht ist es auch eine Generationsfrage: Wer als Heranwachsender ganz unbekümmert und ungeschützt wechselnde Partner hatte, plädierte pro Abtreibung. Und wenn er nun, 30 oder 40 Jahre später, seine Eltern pflegen muss, plädiert er halt pro Sterbehilfe. Ein wenig Egoismus leitet manch eine Moral.

Gemeinsam ist der Abtreibungs- wie der Sterbehilfe-Diskussion auch das Schlagwort von der „Selbstbestimmung“. Es suggeriert Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortlichkeit, es wendet sich gegen Bevormundung und Gängelei. (Erneut interessant: Ausgerechnet jene, die sonst rasch nach dem Staat rufen, wollen bei Abtreibung und Sterbehilfe autonom entscheiden). Wer „Selbstbestimmung“ sagt, duldet keinen Widerspruch, sondern will oft bloß von den Folgen seines Handelns exkulpiert werden. Doch auch diese Rhetorik bedient sich einer Täuschung: Wer sich in Deutschland umbringen will, kann das jederzeit tun, ganz willensfrei und selbstbestimmt (obwohl die Intention der Selbsttötung dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants widerspricht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“). Wer Hand an sich legt, hat aber kein Recht, zu fordern, ob durch Patientenverfügung oder Sterbehilfe, dass ihm ein anderer, etwa ein Arzt, dabei assistiert. Es ist eine Selbstbestimmung, keine Fremdbestimmung. Einen Arzt gar gesetzlich zwingen zu wollen, eine mögliche Hilfe zu unterlassen, wäre der Gipfel der Anmaßung.

Es ist alles richtig, was in der Debatte noch gefordert wird. Es muss viel mehr Hospize und Palliativstationen geben. Angehörige und Mediziner müssen massiv bei der Sterbebegleitung unterstützt werden. Es ist ein Hohn und ein Drama, unter welchen Bedingungen in Deutschland Menschen oft sterben müssen. Doch nichts und niemand gibt einem dadurch das Recht, durch aktives Tun oder bewusstes Nichtstun dem Tod die Tür zu einem anderen Menschen aufzuschließen. Der Tod ist eine Grenzerfahrung. Man erfährt durch ihn auch eigene Grenzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben