Meinung : Sterben – und sterben lassen

In Afghanistan entscheidet sich die Zukunft der Nato: Auch Deutschland sollte das bedenken

Malte Lehming

Sie winden sich – und poltern. Sie ducken sich weg – und spielen den Lehrmeister. Scham, Trotz und Anmaßung: Zwischen diesen Reaktionen pendeln deutsche Militärverantwortliche, wenn es um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan geht. Ihre Haltung ist weder konsistent noch souverän. Über eine „unverschämte“ Diskussion beschwert sich bereits der Verteidigungsminister. Sein Vorwurf richtet sich, wohlgemerkt, an die Adresse von Partnern. Deren Stimmung dürfte durch solch drastisches Vokabular nicht eben freundlicher werden.

Das Thema steht ganz oben auf der Agenda der 26 Staats- und Regierungschefs der Nato, die sich heute in Riga zum Gipfel treffen. In Afghanistan, sagt Tony Blair, entscheidet sich die Zukunft des Bündnisses. Das klingt nur übertrieben. Denn zweifellos wäre ein Scheitern der Mission, verbunden mit der Retalibanisierung des Landes sowie dem Triumphgeschrei aller Islamisten und nahöstlichen Terroristen, verheerend für die weltweite Stabilität. Das, zumindest, sollte Konsens sein.

Was um keinen Preis scheitern darf, muss um jeden Preis gelingen. Da darf es weder Ausreden noch Zimperlichkeiten oder vermeintlich eherne Absprachen geben. Die Nato, das erfolgreichste Bündnis der Geschichte, ist eine Solidargemeinschaft. Diese Gemeinschaft funktioniert nur, wenn nicht einige Gruppen das Gefühl haben, ständig die Last der anderen zu tragen. In den gefährlichen Südzonen Afghanistans kämpfen Amerikaner, Briten, Niederländer, Kanadier und Dänen. Sie haben die meisten Opfer zu beklagen. In den sichereren Gegenden sind Spanier, Italiener, Franzosen und Deutsche stationiert. Ihnen wird vorgeworfen, sich zu drücken.

Allein der Verdacht trifft die Allianz in ihr Nervenzentrum. Natürlich hört die Moral oft dann auf, wenn es um Lebensrisiken geht. Aber nur ein Gedanke sollte noch schwieriger zu ertragen sein als der, Soldaten in ein Kampfgebiet zu schicken: nämlich der, dass Verbündete dort für einen sterben. Wo die Deutschen sind, ist es vor allem deshalb ruhig, hört man gelegentlich als Replik, weil sie geschickter und diplomatischer agieren als ihre „Rambo“-Kollegen im Süden. Das ist schlicht falsch. Die Talibanmilizen dringen nicht aus Tadschikistan ein, sondern aus Pakistan. Und es war die mit dem Westen verbundene afghanische Nordallianz, die geholfen hatte, die Taliban zu stürzen.

Gegen Tatsachen und Solidaritätsappelle indes haben sich mehr und mehr Bundespolitiker immunisiert. Denn leider hat ein Militärbündnis wie die Nato in Deutschland keine richtige Lobby mehr. Die Linkspartei fällt aus, die Grünen entdecken gerade ihre Oppositionsrolle neu, die FDP hat sich durch die Libanondebatte sicherheitspolitisch ins Aus manövriert, in der SPD denkt man immer noch gerne an das populäre Nein Gerhard Schröders zum Irakkrieg zurück, und die Union muss aufpassen, dass der begehrte Stempel der „Friedenspartei“ nicht auf ewig an den Sozialdemokraten kleben bleibt. Angela Merkel wird in Riga nicht nachgeben können. Das sagt mehr über Deutschland aus als über die Lage in Afghanistan.

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