Meinung : Stölzl ein Jahr Senator: Vom Hoffnungsträger zum Jein-Sager

Genug Gejammert. Als Christoph Stölzl vor einem Jahr sein Amt als Kultursenator antrat, tat er dies mit einer geradezu unverschämten Portion Optimismus. Sein Motto: "Nur den Fröhlichen gehört die Zukunft." Nach Peter Radunskis glücklosem Auf- und Christa Thobens plötzlichem Abtritt versprach der ehemalige Direktor des Deutschen Historischen Museums Auswege aus der Misere der chronisch unterfinanzierten Hauptstadtkultur mit ihrer kostspieligen Bürde von Preußen- und DDR-Erbe. Ähnlich hatte auch Kulturstaatsminister Michael Naumann die sauertöpfischen Feuilletonisten "heraus aus der Schwermutshöhle" gelockt. Das Ende der Bescheidenheit - ein schönes Duett.

Stölzls Enthusiasmus kam an. Die Kulturschaffenden sahen in dem eloquenten Intellektuellen einen kämpferischen Verbündeten, der die Szene ebenso kennt wie die Berliner Gangarten. Tatsächlich legte der Bayer ein energisches Tempo vor, präsentierte nach kaum 100 Amtstagen ein Reformpapier für Berlins Bühnen, brachte den Hauptstadtkulturvertrag in trockene Tücher, ließ den Philharmonikern die überfällige Rechtsform der Stiftung angedeihen und versprach die "kopernikanische Wende". Kultur zuerst: Dank Stölzl und Naumann war sie wieder in aller Munde.

Und heute? Auch der Aufmunterer Stölzl leidet mittlerweile unter dem Berliner Burn-Out-Syndrom. Verspricht Linderungen statt Lösungen, wirbt nicht länger für den Durchbruch, sondern für den Kompromiss - ähnlich wie Naumanns stiller Nachfolger Julian Nida-Rümelin. Stölzls gute Laune ist längst der lähmenden Stimmung eines Diplomaten gewichen, der nachdrücklich Jein sagt. Nicht dass er ein Zauderer wäre. Aber die Freiheit, die ihm sein Amt nicht lässt, hat er sich nie genommen.

Mut, Entschlossenheit, gar Sturheit ist seine Sache nicht. Obendrein hat es der Verbündete versäumt, sich selbst Bündnispartner zu suchen - in der Koalition wie in der Öffentlichkeit. Ohne die notwendige Rückendeckung wurde Stölzls Bühnenstrukturreform zum Reförmchen zerfleddert. Die geplante Opernfusion samt Generalintendanz: Makulatur. Und die Flexibilisierung der Kulturinstitutionen, ihre Umwandlung in Anstalten öffentlichen Rechts mit mehrjährigen Verträgen, scheiterte an der Haushaltssperre im Zeichen des CDU-Finanzskandals. GmbHs sollen sie werden, irgendwann, wenn sie entschuldet sind - ohne langfristige Planungssicherheit.

Stölzl hat sich vorführen lassen. Vom Bund, der eigenmächtig dazwischenfunkte, als er Daniel Barenboims Staatskapelle 3,5 Millionen schenkte, damit die Staatsoper bleibt, wie sie ist. Vom (West-)Berliner Klüngel, der seinen Liebling Christian Thielemann an die Deutsche Oper zurückholte und dort ebenfalls jede Neuerung torpedierte. Und von Bürgermeister Eberhard Diepgen, der noch nie ein Kulturfreund war und seinen Senator gegen die Wand laufen ließ.

Verkehrte Welt: Der Bund und die Alteingesessenen machen Berliner Kulturpolitik. Der Kultursenator, der sein zweites Ressort, die Wissenschaft, von Anfang an sträflich vernachlässigt hat, ist nicht Herr im eigenen Haus. Und die Kultur selbst spart eifrig, hat aus eigener Kraft ihre Defizite verringert, durch mehr Aufführungen und eine bessere Auslastung der Häuser. Wenigstens sie hat ihre Lektion gelernt - und wird von der Politik zum Dank dafür im Stich gelassen. Immerhin musste bislang kein weiteres Haus geschlossen werden, wie Diepgen es vor Jahresfrist angedroht hatte. Das ist viel und doch viel zu wenig. Am Ende schrumpft der Impresario Stölzl vom genialen Visionär zum biederen Schadensbegrenzer.

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