Meinung : Stoiber gegen Schröder: Auf den ersten Blick nur eine Stilfrage

Noch 243 mal werden wir wach. Dann ist Wahltag. Erst dann werden wir wissen, ob Gerhard Schröder Kanzler bleibt oder Edmund Stoiber Kanzler wird. Doch bereits jetzt zeichnet sich die Grob-Dramaturgie dieses Wahljahres ab. Der Spannungsbogen ist gezeichnet: Stoiber, plötzlich als weniger rechts und milder bajuwarisch denn vermutet enttarnt, rutscht in die Favoritenrolle. Im Frühsommer werden wir bei der Aufholjagd Schröders mitzittern dürfen. Irgendwann wird Gleichstand erreicht sein, und dann beginnt endgültig das Kopf-an-Kopf-Rennen. Mit offenem Ausgang.

Auf einen solchen Spannungsbogen stellt sich die Republik jedenfalls ein. Schröder hat konzediert, dass sein Rivale gut gestartet sei. Als "vorübergehende Euphorie" auf Unionsseite sieht dies der Kanzler. Er betreibt schon einmal Vorsorge, dass die konjunkturelle Erholung, wenn sie denn kommt, nicht als rein saisonales Zufallsprodukt wahrgenommen wird, sondern als Erfolg dessen, was die Regierung gerade jetzt in Sachen Niedriglohnbereich anschiebt - damit das Wahlvolk dann den zweiten SchröderAufschwung preist.

Natürlich wird Stoiber alles tun, um gerade dies nicht durchgehen zu lassen. Die ersten Pflöcke, die der Herausforderer eingerammt hat, stecken in der Mitte. Die an sich gewünschte Rücknahme der Öko-Steuer wird plötzlich unter Finanzierungsvorbehalt gestellt, die nächste Steuerreform-Stufe nicht so klar vorgezogen wie stets verlangt. Die Homo-Ehe bleibt. Schily macht nur, was Stoiber stets wollte. In der Wirtschaftspolitik verkauft sich der Kandidat nicht als Liberaler, sondern als Anwalt des kleinen Mannes.

In seinem ersten großen Solo-Auftritt bei Sabine Christiansen hat Stoiber mehr Zeit darauf verwandt, die Abzocker-Mentalität der Großunternehmen auf Kosten des Mittelstands und der Arbeitnehmer zu geißeln, als zum DeregulierungsKreuzzug zu blasen. Eine Prise Lafontaine für die im Geldbeutel Enttäuschten, eine Dosis Schill für die in Heim und Hof Gefährdeten - dies ist die Mischung, mit der Stoiber startet.

Nun hat sich der CSU-Chef bei seiner TV-Vorstellung Versprecher von Bushschen Proportionen geleistet. Die Moderatorin nannte er "Merkel"; die Begriffe "Deutsche Telekom", "Nachzugsalter" und "geschlechtsspezifische Verfolgung" wollten ihm partout nicht einfallen. Aus Mark wollte er Euro machen, indem er mit 2 multipliziert. Das Minus-Wachstum der neuen Länder forderte er für die Alt-Republik ein. Ist der vermeintliche Profi in Wahrheit ein nervöser Schüler, der auf gesamtdeutschem Parkett erst noch üben muss? Fraglos ja.

Und doch bleibt Stoiber sich selbst treu. Seine bevorzugte Redeform ist seit jeher die Tirade, die assoziative Vermischung von Fachreferaten voller Zahlen und politischen Schienbeintritten. Da stört der geordnete, vollständige Hauptsatz nur. Auf Marktplätzen und in Bierzelten kommt das gut an. Im Fernsehen ist es auf den ersten Blick desaströs: Der Herausforderer, der stets die Sachauseinandersetzung beschwört, darf doch nicht inkohärent und unfokussiert wirken.

Wirklich? Wenn jemand seine ganze Mission nicht mit einem großen Wurf, sondern mit Sacharbeit statt Darstellung begründet, könnte eine chaotisch präsentierte Zahlenberieselung als Bestätigung gelten. Stoiber will der sein, der sich plagt, der ehrlich rackert - weil das Land sich plagt. Die Saga vom Sieg des ungelenken George W. Bush: Stoiber würde sie gern auf deutsch nachdichten.

So manchem Beobachter und hauseigenen Strategen dürften bei den Premieren-Auftritten des Kandidaten die Haare zu Berge gestanden haben. Zu polieren ist in der Tat noch viel. Vor allem kann Stoiber es sich nicht leisten, auf die Frage, ob er denn eine bessere Wirtschaftskompetenz für sich beanspruche, mit etwas anderem als einem klaren Ja zu antworten. Was also wissen wir nach den ersten zehn Tagen des SchröderStoiber-Duells? Dass beide Kandidaten starken interventionistischen Impulsen nachgeben, dass beide in Sicherheitsfragen ihren inneren Schill zu mobilisieren verstehen.

Die große Polarisierung, von vielen erwartet, von etlichen befürchtet, von manchen erhofft - sie findet in den Inhalten nicht statt. Aber im Stil.

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