Meinung : Stoiber im Wahlkampf: Out of Bayern

Stephan-Andreas Casdorff

Dies ist ein bayerischer Tag, einer wie sonst keiner. Der Politische Aschermittwoch in der Passauer Nibelungenhalle: Da hocken sie beisammen im Loden, in Tracht, eine Maß Bier in der Hand, der Saal ist rauch- und rauschgeschwängert, Weiß-Blau dominiert, der Redner zieht vom Leder. Hoher Tann und schroffer Fels, und mir san mir - die Botschaft des Tages geht hinaus ins Land, Jahr um Jahr. Nur dieses Jahr nicht.

Politisch war er, der Aschermittwoch, bloß bayerisch war er nicht. Edmund Stoiber als Redner kam nicht krachledern daher, sondern im Staatsmannsanzug, Weiß-Blau war dezent im Hintergrund, der Saal mit High-Tech aufgeputzt. Stoiber erschien in anderem Licht, gleich in doppeltem Sinne. Es ist noch derselbe Tag, aber in einem besonderen Jahr: In sieben Monaten will der Bayer Bundeskanzler werden.

Ein Ministerpräsident als Kanzlerkandidat, das hat in Deutschland Tradition. Helmut Kohl, Gerhard Schröder, beide haben vorher ein Bundesland regiert. Ein Bayer war noch nicht dabei, der "Freistaat" schien zu besonders zu sein, so wie die CSU, die Partei, die das schöne Land erst erschaffen haben will. Was Franz Josef Strauß nicht gelang, auch weil er in seiner Eigenart im übrigen Deutschland fremd war, will jetzt sein ehemaliger Adlatus Edmund Stoiber schaffen. Er kann es, zumindest phänotypisch: Stoiber wirkte schon vorher so unbayerisch wie die gestrige Veranstaltung in Passau. Sie war ihm angemessener als die Jahre zuvor.

In diesem Unterschied zu Strauß liegt eine Gefahr für den Kanzler, den Stoiber ablösen will. Und jetzt will er es wirklich, das hat die Rede gezeigt; sein Zögern ist vorbei. Sicher hat der Kandidat wieder nicht alle Sätze zu Ende gebracht, Mal um Mal verhallte ein Gedanke. Aber diese Botschaft ist angekommen: dass Stoiber seine Vorstellungen von einem modernen Bayern in Deutschland ausweitet zu einem Modell Deutschland. Mir san mir, jetzt auf hochdeutsch.

Er hat dafür, immerhin, Formeln gefunden, die sich mit ihm glaubwürdig verbinden. Sie zeigen ihn stramm konservativ und emotionalisierend. Seine Formeln sind ein Versprechen auf Stabilität, Schutz, Verlässlichkeit, Geborgenheit in schwieriger Zeit. Seine (fast) unfallfrei vorgetragenen Formulierungen sind einprägsam: Liebe zum Vaterland - Geborgenheit in der Heimat. Unser Land - unser Vaterland. Wir sind ein Volk. Oder so: Ich will dienen, wie ich Bayern gedient habe, mit Leidenschaft, Engagement, Überzeugung. Ich will meinem Vaterland dienen. Der Höhepunkt: Bei mir hat das Kreuz einen Platz im Kanzleramt.

Stoiber hat im Detail nichts Neues gesagt. Er will die Einwanderung begrenzen, die Ökosteuer stoppen, er betont das Soziale in der Marktwirtschaft, die gesellschaftliche Bedeutung von Familie und Kindern. Neu ist, dass das Gesagte allmählich aufeinander abgestimmt wirkt. Da klingen Strauß und Helmut Kohl mit seiner geistig-moralischen Erneuerung durch, wenn Stoiber Werte für sich reklamiert und sie gegen eine Dominanz der Beliebigkeit stellt. Das soll der wesentliche Unterschied sein zwischen Kanzler und Kandidat. Zwischen Bayern und Deutschland wird Stoibers Wahlkampf - amerikanisch. Äußerlich und inhaltlich. Er beschwört den Glauben an die Nation und daran, dass sie sich von Zeit zu Zeit besinnen muss, auf alte Werte und neue Ziele. Der Clinton von 1992 und der Lafontaine von 1998 lassen grüßen. Beide haben gewonnen.

Aber der Politische Aschermittwoch ist auch nur ein Tag. Und schon wieder gestern.

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