Meinung : Stoibers Kandidatur: Hinter jedem Mann steht eine starke Frau

Schwierige Entscheidungen haben es an sich, dass nach langem Für und Wider am Ende alle guten Gründe unbedeutend werden. Die K-Frage in der Union hat diesen Punkt erreicht. Alle beide und auch alle anderen haben sich erklärt, nichts ist geklärt, alle inhaltlichen Argumente sind ausgetauscht. Keines ist so durchschlagend, dass es die Auswahl einfach machte. So entscheidet am Ende der Prozess selbst: Wer wann was sagt, wer wen unterstützt, wer sich, kurzum, als der Stärkere erweist.

Bis vor kurzem schien das wesentlich eine Willensfrage zu sein. Die CDU-Chefin Angela Merkel musste wollen, weil ein Verzicht einem Eingeständnis der Schwäche gleichgekommen wäre; der CSU-Chef Edmund Stoiber musste nicht wollen - Ministerpräsident ist kein übler Job. Inzwischen will Stoiber ebenfalls, genauer: Auch er muss wollen. Dahinter steht ein Bündel von Motiven und Zwängen. Keine Frage, dass den Bayern die durch die Wirtschaftsflaute gewachsene Chance auf einen Wahlsieg am 22. September reizt. Vor allem aber ist der Punkt überschritten, an dem er sich ohne Schaden zurückziehen könnte.

Dass Merkel in der öffentlichen Diskussion mittlerweile recht allein auf weiter Flur steht und die Stoiber-Fans die Schlagzeilen beherrschen, versperrt dem Bayern den Rückweg. Er kann nur noch nach vorn. Und dann, wenn er vorne angekommen ist? Kann ein Bayer Kanzler werden? Oder, etwas bescheidener, wenigstens ein gutes Wahlergebnis einfahren? Natürlich kann er. Die Lederhose hat sich als Beinkleid zwar nicht flächendeckend durchgesetzt, der Laptop steht aber auf allen Schreibtischen. Stoiber selbst hat sich von vielen seiner alten Partikularismen und Verbal-Radikalismen still verabschiedet. Wer den letzten euroskeptischen Ausbruch aus München sucht, muss tief in die Archive.

Gleichwohl hat ein Kandidat Stoiber ein Problem. Es lässt sich beschreiben als die Kehrseite all jener Motive und Gefühle, die ihn jetzt für so viele in der CDU attraktiv erscheinen lassen. Stoiber ist alte Schule, ein in der Union traditionelles Kandidaten-Muster: Als Landesfürst bewährt, als meinungsstark bekannt und darum als führungsstark eingeschätzt. Kein CDU-Funktionär muss seiner CDU-Basis erklären, warum Stoiber einer der Ihren ist. Mit ihm glauben sie auf Nummer Sicher zu gehen.

Das reicht aber nicht. Dass das eher "liberale", jüngere, weibliche Publikum, das jetzt überwiegend einer Kandidatin Merkel zuneigt, von einem Kandidaten Stoiber endgültig abgeschreckt würde, muss man nicht wortwörtlich glauben: Dieses Argument gehört ins Arsenal der Waffen, mit denen der Zweikampf ausgefochten wird. Trotzdem ist etwas Wahres daran. Wenn Wähler nur auf Nummer sicher gehen wollen, wählen sie das Bekannte. Das Bekannte jedoch heißt Gerhard Schröder, ist Bundeskanzler und erfreut sich unveränderter Spitzenplätze auf allen Beliebtheitsskalen.

Um diese Position zu gefährden, muss ein Herausforderer mehr bieten als das der Person Stoiber innewohnende Versprechen, zu bewährten Werten zurückzukehren. Ein Kandidat Stoiber müsste, plakativ gesagt, für ein paar Überraschungen gut sein. Er müsste sich als weit weniger traditionell-konservativ präsentieren, als er bislang gesehen wird. Und er brauchte Helfer dabei, die einen solchen Weg in Richtung Mitte als glaubwürdig bezeugen. Ein idealer Zeuge hieße Angela Merkel. Ob die dafür aber überhaupt noch zu Verfügung steht, ist eine der folgenreichsten Fragen, auf die die Union in diesen Tagen eine Antwort finden muss.

Wenn er es macht, braucht er vor allem eines: sie.

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