Meinung : Stolz verpflichtet

Noch ist Polen nicht verloren für Europa – wenn es seine Verantwortung ernst nimmt

Christoph von Marschall

Zwei Überraschungen: Die eine verrät etwas über uns, die andere über unseren großen Nachbarn im Osten. Wenn sich jetzt viele in Deutschland und Westeuropa über Polens herausgehobene Stellung im Nachkriegsirak wundern – bis hin zu dem abfälligen Unterton: Dürfen die das? Können die das? –, dann spricht daraus auch eine gewisse Überheblichkeit. Oder Ignoranz. Polen ist ein Staat vom Gewicht Spaniens und wird als einziges Beitrittsland zu den Großen in der künftigen EU gehören. Es ist kein armer Bittsteller, der Außenpolitik nur mit Genehmigung der EU machen darf, sondern für viele in der Welt ein attraktiver Partner.

Wenn Warschau aber die Bundesregierung – die viel zu Polens Integration in Nato und EU beigetragen hat – ohne Konsultation mit dem Vorschlag überrascht, das dänisch-deutsch-polnische Korps in den Irak zu schicken und sich prompt eine Absage einhandelt, dann zeigt das: Auch Polen geht mit der neuen Lage noch nicht souverän um.

Verbündete informiert man über eigene Pläne – was Warschau schon bei der Solidaritätserklärung der acht mit Amerika Ende Januar versäumte. Und mit Kooperationsvorschlägen geht man erst an die Öffentlichkeit, wenn sie intern abgestimmt sind. Polen ist kein trojanisches Pferd der USA in Europa; es hat berechtigte Interessen hier wie dort. Warschau muss jedoch alles vermeiden, was diesen falschen Eindruck befördern könnte.

Es ist eine neue, gewöhnungsbedürftige Konstellation. Zum einen für die Alt-EU: Die Neumitglieder sind nicht passive Partner, die aus Dankbarkeit zu allem Ja und Amen sagen. Sie werden von anderen umworben, nicht zuletzt von den USA, weshalb auch Franzosen und Deutsche gut daran tun, nicht Gehorsam einzufordern, sondern feinfühlig für Gemeinsames zu werben.

Polen seinerseits muss lernen, dass seine offenkundige Aufwertung nicht nur Anlass für geschmeicheltes Selbstbewusstsein ist, sondern Verantwortung mit sich bringt. Nicht nur im Eigeninteresse, dass sein Beitrag im Irak nicht als Annäherung an Amerika zu Lasten Europas missverstanden wird. Sondern auch die Verantwortung, die Risse in Europa und im transatlantischen Verhältnis kitten zu helfen. Schon am Freitag beim deutsch-französisch-polnischen Gipfel in Breslau. Und bei allen Gesprächen über die Arbeitsteilung im Irak mit den USA.

Die neue Konstellation kann eine zerstörerische Dynamik entwickeln: Wenn alle beleidigt tun, Chirac Polen erneut abkanzelt, Schröder die fehlende Konsultation übelnimmt und Warschau erst recht Trost in Amerika sucht. Sie enthält aber auch großes konstruktives Pontenzial. Für den Gefallen, den Polen Amerika mit der Übernahme des kurdischen Nordsektors erweist – Entlastung der US-Beziehungen zur Türkei, Abzug von US-Truppen aus dem Irak –, kann es Gegenleistungen erwarten: Zuallererst, dass Amerika Rücksicht auf Polens Verhältnis zur EU nimmt. Mit Tony Blair, Dänen und Niederländern könnte Präsident Kwasniewski die USA drängen, sich um ein UN-Mandat für den Irak zu bemühen. Unter UN-Dach, sagt die Bundesregierung, wäre sie zu einem Beitrag bereit. Würde Frankreich dann Nein sagen? Freilich müssten alle der Versuchung widerstehen, die Formulierung des Mandats zur Rechthaberei um Für und Wider des beendeten Kriegs zu missbrauchen.

Das wäre eine Überraschung wert: Wenn Polen die Kraft fände, aus der neuen Lage etwas zu machen. Etwas, das Auseinanderdriftendes wieder zusammenführt.

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