Streichliste : Wir bauen uns ein Luftschloss

Erst ist der König weg, vulgo: der Bundespräsident, und jetzt soll auch noch der Schlossbau verschoben werden. So wird das Schlossspektakel endgültig zum Schlossdebakel.

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Es stand schon vorher zur Debatte, jetzt ist es offiziell: Der ab 2011 geplante Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wird verschoben - auf 2014. Foto: dpa
Es stand schon vorher zur Debatte, jetzt ist es offiziell: Der ab 2011 geplante Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wird...Foto: dpa

Dem Hohenzollern-Traum folgt schales Erwachen. Ein Gespenst geht um in Berlin, das Schlossgespenst. Es kann sich auf lange Wanderungen einstellen.

Arbeitslose müssen noch kürzer treten. Da kann Deutschland sich doch kein Schloss leisten, das den Bund – über die gesamte Bauzeit gestreckt – 440 Millionen Euro kostet, so die Logik der Haushälter. Eine populistische, gefährliche Logik. Warum nicht auch noch die Opern, Theater und Museen des Landes wegkürzen? Selbst Finanzpolitiker hatten allmählich zu begreifen begonnen, dass Kultur zwar kostet, aber im gleichen Maß Geld bringt und Arbeitsplätze, zumal in Berlin.

Der Schaden für das Ansehen und das Selbstverständnis der Kulturnation ist schon jetzt enorm. Ist die Not so groß, dass die Sparkommissare ihren Verstand an den Klausur-Garderoben abgeben müssen? Der Dahlemer Standort der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der die außereuropäischen Sammlungen zeigt, die künftig im Schloss ausgestellt werden sollten, ist derart marode, dass allein dessen Sanierung den Bund einen Großteil der eingesparten Summe kosten würde. Wer die Arbeit der Architekten, der Schloss-Stiftung, der Steinmetze, der künftigen Nutzer vom Museum bis zur Bibliothek auf voller Fahrt ausbremst, kann das auch nicht zum Nulltarif tun. Der Schloss-Storno bringt einen minimalen Spareffekt, aber er hat maximal verheerende Wirkung.

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So sieht die Box kurz vor dem Richtfest aus. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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06.01.2012 15:40So sieht die Box kurz vor dem Richtfest aus.

Es gab eine Zeit, eine kurze, da passte die Idee vom Wiederaufbau des Stadtschlosses zur Stimmung im Lande, da freute sich alle Welt an der Simulation der barocken Fassaden in Berlins historischer Mitte, an ihrer Leerstelle. So wurde das Schloss ein Beschluss, zweimal votierte der Bundestag parteiübergreifend dafür. Es war, so schien es zumindest, alles bedacht, alles gesagt. Aber seitdem ist der Wurm drin im Schloss.

Gewünscht wurden barocke Fassaden, zu wünschen übrig ließen die Spenden dafür. Gewollt war ein kühner Entwurf, aber der Wettbewerb erlaubte nur brave Rekonstruktion. Der Sieger hieß Franco Stella, aber um die Auftragsvergabe wurde vor Gericht gestritten. Für die Kuppel reichte das Geld nicht, aber wer will schon ein Schloss ohne Kuppel? Außen Schlüter, innen Humboldt, sprich: Außereuropäisches, ist das nicht Humbug? Terminverschiebung, Ungereimtheiten, Zoff – die inzwischen recht kleine Schloss-Fangemeinde hält tapfer dagegen. Es klingt wie das berühmte Pfeifen im Walde.

Der Rest ist dröhnendes Schweigen. Kaum anzunehmen, dass Bundesbauminister Ramsauer bei der Sparklausur das Ruder herumreißt, ausgerechnet der Mann, der Schloss-Kosten gern mal in Autobahn-Kilometer umrechnet. Kaum anzunehmen, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann seine Zurückhaltung in der Schlossfrage plötzlich aufgibt. Und die Kanzlerin wird das Schloss bestimmt nicht zur Chefsache erklären, nachdem sie es zuließ, dass Deutschlands bedeutendstes Kulturprojekt als Einzelposten die Streichliste zierte.

Auch ein Aufschrei der Empörung wird wohl nicht durch die Lande hallen, eher ein Seufzer der Erleichterung. Die Deutschen und das Schloss, das ist eine längst abgekühlte Beziehung, geprägt von Unwillen und Indifferenz. So bekommt die Nation am Ende das Schloss, das ihr gebührt: ein Luftschloss.

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