Streik : Brote statt Ballern

Wer löst den Konflikt im Streikgebiet. Unser Kolumnist hat eine erstaunliche Lösung gefunden. Bei den streikenden Bäckern von La Paz, Bolivien.

von
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann. Karikatur: Tagesspiegel
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Zum Streik ist alles gesagt. Dass es nervt, wenn alle Räder stillstehen, weil ein starker Arm es will. Dass es legitim ist, wenn sie stillstehen. Und so weiter, und so weiter.

Was nicht gefunden wurde, ist eine Lösung im Konflikt. Dabei liegt sie klar auf der Hand, ist vorbildlich zu sehen, erstaunlicherweise im fernen Bolivien. Ja, auch bolivianische Arbeiter kennen den Streik, nicht nur deutsche Lokomotivführer. In Bolivien, genauer in der Großstadt La Paz, sind es die Bäcker, die in Streik getreten sind. Jahrelang hatten sie Staatshilfen beim Mehlpreis genossen, damit ist seit 2011 Schluss, nun reicht es den Bäckern. Stramme Wirtschaftsliberale werden diese staatlichen Hilfen gewiss geißeln, aber, dass die Bäcker von La Paz für das teurere Mehl fürs Brot nicht dem Kunden in die Tasche greifen, ist doch nur löblich. Der offizielle Preis für ein Brot liegt bei 40 Centavos, was im Euro der Fünf-Cent- Münze entspricht. Aus unserer Sicht ist das vergleichsweise billig, für fünf Cent bekommt man zum Beispiel im Bord-Bistro der Bahn gerade mal gar nichts. Und beim Bäcker auch nichts, nicht mal Schrippen von gestern.

La Paz, der Regierungssitz Boliviens, ist der höchstgelegene Regierungssitz der Erde und hat ungefähr 750 000 Einwohner. Die wollen auch in der dünnen Luft auf über 4000 Metern mit Brot versorgt werden.

Das Druckpotenzial der bolivianischen Backinnung ist also enorm, man stelle sich vor, Kamps und Thürmann würden den Ofen aus lassen, auch wenn das vielleicht genusstechnisch gar keine so üble Vorstellung ist. In La Paz aber haben sie sich erst einmal gar nicht auf langwierige und zermürbende Verhandlungen eingelassen und auch keinen Schlichter gesucht. Sie backen ihr Brot ganz ohne Bäcker. Die Soldaten aus sechs Kasernen wurden abkommandiert zum Brotbacken, 70 000 Brote backen sie täglich. „Wenn nötig, fahren wir die Produktion in den nächsten Tagen hoch“, sagte Boliviens Verteidigungsminister Reymi Ferreira. Wahrscheinlich gehört Brotbacken in Bolivien zur Ausbildung im Grundwehrdienst. Brote statt Ballern, unsympathisch macht das Boliviens Militär nicht gerade. Soldaten in der Mehlkiste, eine ganz neue, unkonventionelle Art, der Arbeitsniederlegung zu begegnen. Von Bolivien lernen, heißt streiken lernen. Also, liebe Frau von der Leyen, tun Sie es Ihrem Amtskollegen gleich, kommen Sie in die Gänge. Der Ärger ums Pannengewehr G36 dürfte angesichts rollender Räder schnell verraucht sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben