Streit um die Krim : Ein Präzedenzfall mit blutigen Folgen

Russland will offenbar sein Territorium mit gewaltsamen Mitteln zulasten der Ukraine vergrößern - indem es sich die Krim einverleibt. Das wäre ein Präzedenzfall, der Bürgerkriege zur Folge haben könnte. Ob Putin das ahnt, weiß und bedenkt?

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Putin
Ob Putin die Ausmaße seiner Pläne bis zu Ende gedacht hat?Foto: dpa

Das hat es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben – dass ein Land sein Territorium mit gewaltsamen Mitteln zulasten eines anderen souveränen Staates vergrößert. In der Krise um die Ukraine, die sich derzeit auf die Halbinsel Krim konzentriert, geht es also um einen gravierenden Präzedenzfall. Jedwede Analogie, von Südamerika über den Balkan bis zum Sudan, greift zu kurz. Wann immer sich woanders ein Gebiet abspaltete, geschah dies nicht als „Anschluss“ an ein anderes Land, sondern als Neugründung eines Staates, den es zuvor nicht gab.

Noch ist nichts entschieden, doch die Dynamik ist bedrohlich: Gut möglich zwar, dass sich Russland die Krim nicht einfach einverleibt, sondern deren autonomen Status lediglich „ausweitet“. Das aber wäre lediglich ein semantischer Unterschied, praktisch wäre die Halbinsel unter russische Herrschaft gebracht.

Befeuert wird die Krise von einer hochtourigen Propagandaschlacht, in der ein von den Russen abgehörtes Telefonat veröffentlicht wird, das angeblich die Verstrickung des Westens in die Maidan-Revolution belegt. Das amerikanische Außenministerium kontert mit einer Liste der zehn angeblich größten Lügen, die Wladimir Putin zur Rechtfertigung seiner Aggression verbreitet. Man hält den Atem an und bangt und hofft und bangt.

Warum wäre ein solcher Präzedenzfall so dramatisch?

Warum wäre ein solcher Präzedenzfall, wie er mit der Entwicklung rund um die Krim am Schreckenshorizont steht, so dramatisch? In den knapp 200 Ländern dieser Erde leben rund 650 Ethnien. Die größte ethnische Diversität weist Afrika auf, wo die ehemaligen Kolonialmächte viele künstliche Grenzen gezogen haben. Man blicke nur nach Uganda oder Liberia oder gen Norden nach Libyen. Syrien und der Irak sind weitere, sehr aktuelle Beispiele für die Explosionskraft ethnisch diverser nationaler Entitäten. Sollten Referenden und selbst erklärte Schutzmächte künftig über die Grenzen von Staaten entscheiden, würde wieder völkisches Denken das Wesen von Nationen definieren. Ganz abgesehen von den politischen Wirren und blutigen Bürgerkriegen, die ein neuer, ethnisch begründeter Selbstbehauptungstrieb zur Folge hätte. Ob Putin all das ahnt, weiß und bedenkt?

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