Streit um Sterbehilfe in Italien : Fehlendes Bewusstsein

Eluana Englaros hilfloser Körper musste für die Generalprobe herhalten, um zu sehen, wie weit dehnbar die Grenzen des Rechtsstaats in Italien sind. Und dass der Vatikan zynisch applaudierte, gibt erneut Grund zu zweifeln, ob man dort im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Eluana Englaro ist tot. Die traurige Rolle, die ihr Italiens Ministerpräsident am Ende ihres Lebens aufgezwungen hatte, hat sie dennoch zu Ende spielen müssen. Angeblich um die junge Frau zu retten, die 17 Jahre lang im Koma lag, wollte Silvio Berlusconi am heutigen Dienstag ein Gesetz durchpeitschen, das seinen Ruf des starken Mannes bestätigt hätte, der sich um Regeln einen Dreck schert, wenn es gilt, Gutes zu tun. Über die Frage von Anfang und Ende des Lebens kann und muss diskutiert werden. Über die politische Dimension des Falls kaum. Staatspräsident Napolitano unterschrieb ein erstes Dekret Berlusconis nicht, weil er die Gewaltenteilung verletzt sah. Aber auch ein Gesetz wäre – sollte es denn noch zustande kommen – verfassungswidrig, weil es rückwirkend eine Gerichtsentscheidung kassieren soll. Es ging nicht um Hilfe – ein Gesetz zur Patientenverfügung wartet seit Jahren. Es ging darum, an Englaros hilflosem Körper generalzuproben, wie weit dehnbar die Grenzen des Rechtsstaat sind. Und dass der Vatikan diesem Zynismus applaudierte, gibt nach der Piusbrüder-Affäre erneut Grund zu zweifeln, ob man dort im 21. Jahrhundert angekommen ist. ade

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben