Meinung : Streiten bildet

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Von Simone von Stosch

Das war zu erwarten. Kaum sind die ersten Vorveröffentlichungen auf dem Tisch, geht das Gezänk schon los. Die Union feiert sich als Sieger auf der ganzen Linie, die SPD wiegelt ab, und die Gewerkschaften warnen gar vor einer Bildungsdebatte auf dem Rücken der Kinder. Wie bitte? Ein besseres Wahlkampfthema als Bildung lässt sich doch kaum denken. Theoretisch. Vorhang auf also für einen fairen Wettstreit der Ideen.

Das Datenmaterial der Vorveröffentlichungen ist dürftig. Noch gibt es keine Differenzierungen nach einzelnen Unterrichtsfächern, und der zentrale Vergleich von Schulsystemen steht noch aus. Doch das Ranking der Bundesländer teilt die Republik beim Thema Bildung eindeutig in SPD-geführte Länder und in Unions-regierte. Der alte – hoch ideologische – Streit zwischen konservativem und sozialdemokratischem Bildungsmodell wird erstmals mit Daten unterfüttert.

Geben wir es zu: Die Länder mit einem leistungsorientierten Schulsystem und zentralen, landesweit geltenden Prüfungen schneiden bei Pisa gut ab. Auf der anderen Seite brechen die Länder besonders stark ein, die auf das Prinzip „gleiche Bildung für alle“ setzten. Dort, wo Gesamtschulen als selig machendes Rezept galten, bekommen die Bildungspolitiker nun die Quittung: Bremen liegt hinten und auch das Saarland, jahrelang fest in Hand der Sozialdemokraten, ganz zu schweigen von Hamburg und Berlin, die – gezielte Verzögerungstaktik oder einfach Schlamperei – nicht in der Lage waren, die Daten zusammenzutragen und beim Ländervergleich rausfallen.

Zugegeben, die sozialen Probleme sind in den Stadtstaaten größer als zum Beispiel in Bayern. Zugegeben, dort ist der Anteil der Ausländer und der Kinder aus sozial schwachen Familien geringer. Doch trotz all dieser richtigen Relativierungen der Pisa-Ergebnisse kommen die SPD-Bildungsexperten nicht umhin, sich mit dem Ergebnis falsch verstandener Chancengleichheit auseinander zu setzen. Der Gedanke „gleiche Bildung für alle“ wirkt offenbar nicht nach oben, sondern nach unten nivellierend: Das Niveau sackt insgesamt ab. Wo Leistung als Unwort gilt und unterschiedliche Begabungen gleichgebürstet werden, ist was falsch im System. So funktioniert das Leben nicht, auf das die Schule doch vorbereiten soll.

Andererseits ist das laute Selbstlob von CDU/ CSU unangebracht. Einmal, weil im internationalen Vergleich auch Bayern und Baden-Württemberg nicht glänzen, sondern in der Zweiten Liga spielen. Vor allem aber, weil ein zentrales Problem des deutschen Schulsystems – die großen Differenzen zwischen den sozialen Schichten – hier besonders krass zutage tritt: In Bayern sind dreimal so viele ausländische Schüler ohne Schulabschluss wie deutsche. Wir dürfen also gespannt sein, in welchem Bundesland der Zusammenhang zwischen Herkunft und Schulleistung besonders deutlich ist.

Um hier gegenzusteuern, sind Ganztagsschulen sinnvoll, was offenbar auch Kanzlerkandidat Stoiber inzwischen erkannt hat. Sie sind aber nur gut, wenn mit ihnen ein realistisches Konzept verbunden ist, das die zentralen „Kampfbegriffe“ Leistung und Chancengleichheit nicht länger gegeneinander ausspielt. Chancengleichheit richtig verstanden hieße doch, jedes Kind in seinen Unterschieden zu fördern. Das kann sozialer sein, als alle über einen Kamm zu scheren. Und Leistung ist dann kein Pfui-Wort, wenn es auch soziale Kompetenzen miteinbezieht.

Das große Defizit im deutschen Schulsystem ist dessen Ideologisierung. Deshalb kommen Reformen so schwer in Gang. Deshalb landet der überfällige Wettstreit unterschiedlicher Konzepte oft in der Sackgasse parteipolitischen Gezänks und gegenseitiger Schuldzuweisungen. Vielleicht ist das Einlenken der unionsgeführten Länder in Sachen Ganztagsschulen ja ein Anfang – zum Umdenken.

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