Streitende Politiker : Infekt im Dschungelcamp

Schwarz-Gelb hat sich selbst demontiert. Rot-Grün sollte sich vom schlechten Beispiel nicht anstecken lassen. Heilung ist in beiden Fällen möglich.

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So gefährlich wie die aus Indien eingeschleppten Horrorbakterien ist das deutsche Schwarzgelbvirus nicht. Aber tückisch ist es auch. Es befällt vorzugsweise Menschen mit großem Geltungsbedürfnis und gelegentlichen Selbstwertzweifeln. In persönlichen Krisensituationen bricht deren Immunsystem zusammen. Die Krankheit führt schnell zu Verbalaggressivität und Realitätsverlust. Sie war lange Zeit auf Bayern beschränkt, bis sie im vergangenen Jahr auf liberale Milieus in Berlin übersprang. Im Frühjahr zeigten sich dann schwarze Hochburgen im Großraum Stuttgart infektanfällig. Nun sind plötzlich auch rote Kohorten in der Hauptstadt gefährdet. Die Erkrankung ist nur durch größere Dosen Verstand heilbar. Da die Kranken aber eigene Symptome übersehen und nur jene anderer wahrnehmen, ist die Bereitschaft zur Medikation gering ausgeprägt. Auch eine einmal ausgeheilte Infektion schützt nicht vor Rückfällen.

Vielleicht muss man sich wirklich wie eine Krankheit vorstellen, was Guido Westerwelle, Stefan Mappus, Horst Seehofer, Alexander Dobrindt, Markus Söder und nun auch Sigmar Gabriel erfasst hat. Das sind ja alles durchaus mit Vernunft begabte Menschen. Aber angesichts schwindender Popularität, plötzlicher Einsicht in die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten und des Erstarkens des politischen Gegners reagieren sie nicht mit einer Selbstanalyse, sondern suchen die Schuld woanders.

Genau das kommt beim Wähler nicht an. Wenn Forsa-Chef Manfred Güllner gerade den „Klamauk“ der CSU für deren Ansehensverlust verantwortlich macht, ist das zwar richtig, für die Bayern-Union aber existenziell weniger dramatisch als die Feststellung aus gleichem Mund für die FDP, diese Partei sei „tödlich gefährdet“. Auch da geht es um Klamauk, anders intoniert. Weil die Bundesbürger allerdings eher konsens- als konfliktorientiert sind, mögen sie Streit allenfalls in Fernsehsoaps und nicht innerhalb eines eigentlich verbündeten politischen Lagers. Von Schwarz-Gelb ist die Öffentlichkeit inzwischen Dschungelcamp-Benehmen gewohnt. Aber wenn die SPD, die mit den Grünen bei derzeitigen Wahlen eine klare absolute Mehrheit hätte, nun plötzlich ihren potenziellen Partner ebenfalls annimmt wie einen Widersacher, begeht sie einen Fauxpas Seehofer’scher oder Westerwelle’scher Fehlerdimension.

Man kann in der Sache unterschiedlicher Meinung sein, zum Beispiel bei der Rente mit 67. Dass sie kommt, ist angesichts der demografischen Lage unausweichlich. Aber über die Bedingungen muss gesprochen werden. Also etwa darüber, dass Ältere eine reelle Chance haben müssen, überhaupt jenseits der 60 noch zu arbeiten, und in welchen Berufen das schon alleine wegen der physischen Belastung einfach nicht geht. Aber wer so tut, als könne das Thema einfach von der Tagesordnung genommen werden, heuchelt. Und wenn Sigmar Gabriel von den Grünen fordert, sie sollten Bündnissen mit der CDU abschwören, macht er sich angesichts der regenbogenbunten Koalitionen seiner eigenen Partei in den Ländern eher lächerlich. Vor lauter Angst, die Grünen könnten, zum Beispiel in Berlin, stärker als die SPD werden, darf keiner die Augen zukneifen.

Schwarz-Gelb hat sich selbst demontiert. Rot-Grün sollte sich vom schlechten Beispiel nicht anstecken lassen. Heilung ist in beiden Fällen möglich. Und nötig. Bisher hat sich der Überdruss der Wähler noch nicht außerhalb der etablierten Parteien kanalisiert. Aber passieren kann auch das.

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