Meinung : „Streitkräfte, die sich anpassen können“

Christoph Schmidt-Luhnau

Das wertvollste Abschiedsgeschenk bekam Franz Josef Jung Anfang der Woche von einem, der sich selbst als „Roter“ vorstellte. Landtagsvizepräsident Lothar Quanz (SPD) überreichte ihm ein Trikot der Landtagself mit der Nummer zehn. Sollte der Verteidigungsminister je Zeit finden für ein Fußballmatch, werde er die Rolle des Spielmachers einnehmen dürfen, so das Angebot.

22 Jahre lang war Jung Landtagsabgeordneter. Er werde die überparteiliche Kameradschaft des Landtags vermissen, sagte der so Beschenkte. Allerdings meint er damit nicht den Stil der politischen Debatte in der hessischen Landespolitik. Wenn in Hessen härter gefochten werde als anderswo, habe das auch damit zu tun, dass die Landtagswahlen seit Jahrzehnten knapp entschieden werden, erklärte Ministerpräsident Roland Koch. Das habe Jung geprägt, so Koch. Wenn immer die rot-grüne Landesregierung Fehler machte, erkannte Jung einen Skandal und sprach von einem „unglaublichen Vorgang“. Jung startete als Wahlkampfmanager die Unterschriftenaktion gegen doppelte Staatsangehörigkeit, die Koch ins Amt brachte. In der Sache hart, im persönlichen Umgang verbindlich und verlässlich, so kennen ihn Freund und Feind.

Der Winzersohn aus dem Rheingau, der wegen des frühen Todes seines Vaters als junger Mann Verantwortung übernehmen musste, kam über die katholische Jugend zur Jungen Union. Seit Jahrzehnten sind Roland Koch und er politische Weggefährten. In der Finanzaffäre der hessischen Union kam Jung unter die Räder. Als Staatskanzleichef musste er im Herbst 2000 zurücktreten: In seiner Zeit als Generalsekretär war in der Parteizentrale Schwarzgeld verausgabt worden; sein Rücktritt stabilisierte Kochs eigene Position. Die Opposition sprach von einem „Winzeropfer“.

Koch hatte Jung zur vorgezogenen Bundestagswahl als Spitzenkandidaten auf Widerruf vorgeschlagen. Nur für eine Position in der ersten Reihe werde Jung in die Bundespolitik wechseln, so die Botschaft an die Parteivorsitzende. Es werte die Landespolitik insgesamt auf und sei eine Auszeichnung des hessischen Landesverbandes, dass jetzt Jung ohne Zwischenstation direkt in eines der verantwortungsvollsten Ministerämter in Berlin aufgerückt sei, so Koch. Die guten Wünsche, die ihm Freund und Feind bei seinem Abschied in Wiesbaden mit auf den Weg gaben, waren aufrichtig gemeint, „ein ungewöhnlicher Vorgang“ in der hessischen Landespolitik.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben