Strommarkt Deutschland : Warum das Licht ausgeht

Fast wäre dieser Tage das Stromnetz kollabiert. Nicht, weil es kalt ist. Auch nicht, weil Atomkraftwerke abgeschaltet wurden. Sondern, weil die Händler gezockt haben. Das muss aufhören.

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Strommasten in Deutschland. Foto: dpa
Strommasten in Deutschland.Foto: dpa

Vielleicht wäre es ein heilsamer Schock gewesen: stundenlange Stromausfälle in Teilen des Bundesgebietes. Laut der Bundesnetzagentur hat in den vergangenen zwei Wochen – zumindest an den extrem kalten Tagen – nicht mehr viel gefehlt und das Stromnetz wäre kollabiert.

Wäre es dazu gekommen, hätte dies der Bevölkerung schlagartig bewusst gemacht, wie fahrlässig wir als Gesellschaft die Kontrolle über unsere Energieversorgung abgegeben haben – und zwar an ein abstraktes Konstrukt, „den Markt“. Dem wird gemeinhin eine rationale Intelligenz unterstellt, die sich aus der der Marktteilnehmer speisen soll. Doch diese Annahme entpuppt sich schnell als wirtschaftstheoretische Folklore, sobald es zappenduster wird.

Grund für die Instabilität im Netz war nicht schwerer Schneeregen unter dessen Last Hochspannungsmaste zusammenbrachen. So ein Ereignis hatte im Winter vor sechs Jahren rund 250.000 Haushalte im Münsterland ins Dunkel gesetzt. Grund war auch nur sehr mittelbar die Abschaltung erster Kernkraftwerke im Sommer. Nein, schuld war offenbar der Umstand, dass sich eine relevante Gruppe der rund 900 hierzulande registrierten Stromhändler nicht an Regeln gehalten hat – was menschlich ist, wenn man kaum fürchten muss, erwischt oder gar hart bestraft zu werden.

Vereinfacht ausgedrückt haben die Händler absichtlich zu wenig Strom eingekauft. Der war nämlich – gemäß dem Prinzip von Angebot und Nachfrage – zeitweilig extrem teuer an den Börsen. Ein Grund sind etwa Elektroheizungen, wie sie in Frankreich verbreitet sind. Die Händler haben darauf spekuliert, dass sie die Notreserven der Energieerzeuger anzapfen können. Die müssen nämlich einige Kraftwerke in Reserve bereithalten, um leichte Schwankungen im Netz auszugleichen. Dieser Notstrom ist normal teurer als der reguläre von der Börse, war aber niedriger, als die Börsenpreise im Frostschock stiegen. Da tricksten Händler, um an den Billignotstrom zu kommen. Plötzlich waren auch Reservekapazitäten fast erschöpft, Netzbetreiber standen kurz davor, Industriebetriebe und Versorgungsgebiete vom Netz trennen zu müssen.

Kurzum: Weil ein paar Stromhändler auch nur Menschen sind, die Regeln brechen, ist Deutschland an größeren Stromausfällen vorbeigeschrammt. Und solche Ereignisse haben nichts mit Kerzenscheinromantik zu tun.

Das System ist so krank wie der weitgehend unregulierte Handel mit Finanzprodukten oder Agrarrohstoffen, bei dem Händler per Mausklick Millionenwerte verschieben und Hungersnöte auslösen können. Der Markt wird sich nicht selbst heilen. Warum kontrollieren und zertifizieren wir jeden Arzt, Lehrer und Architekten, lassen aber Händler, die flächendeckend Unheil anrichten können, weitgehend freie Hand? Der Energiemarkt braucht engere Grenzen und Händler Kontrolle. Und wer die Grenzen überschreitet, sollte persönlich für den Schaden haften.

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