Studiengebühren : Es ist sehr wohl Geld für die Unis da

In der Diskussion über Studiengebühren ist der Mittelschicht aufgegangen, dass es gar nicht nötig ist, tapfer den Familienschmuck zu verscherbeln, um den Kindern das Studium zu finanzieren. Denn Geld ist da - man muss es nur einsammeln. Und zwar nicht über Gebühren.

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Die Hörsäle platzen aus allen Nähten, vor allem in Berlin, wo es keine Studiengebühren gibt.
Die Hörsäle platzen aus allen Nähten, vor allem in Berlin, wo es keine Studiengebühren gibt.Foto: dpa

Wenn in Deutschland über Studiengebühren gestritten wird, richten sich die Augen sofort auf die Krankenschwestern. So ist es auch jetzt, da Bayern erwägt, die erst vor fünf Jahren eingeführten Gebühren wieder abzuschaffen: „Soll die Krankenschwester nun etwa dem Sohn des Chefarztes das Studium finanzieren?“, wird sofort gefragt.

Das Argument ist über zehn Jahre alt. Aber es ist bis heute stark. An den Hochschulen dominieren noch immer massiv Akademikerkinder. Da hat es geradezu etwas Borniertes, wenn die privilegierten Stände nichts für den eigenen Klassenerhalt zahlen wollen.

Es macht allerdings stutzig, wenn nun sogar die CSU von diesem Glauben abfällt. Schließlich gehörte Bayern vor zehn Jahren zu jenen Ländern, die Studiengebühren unbedingt wollten und damit nach 35 Jahren die große Abkehr von der Bildungspolitik Willy Brandts einleiteten. Zur Bildungsexpansion hatte die endgültige Abschaffung des Hörgelds gehört.

Im neoliberalen Zeitgeist der vergangenen 15 Jahre träumten Hochschulexperten von Gebühren an „Spitzenuniversitäten“ im US-Maßstab . Konservative und liberale Politiker stellten große Stipendiensysteme mit Hilfe der Wirtschaft zur sozialen Abfederung in Aussicht. Die Studierenden sollten zu „Kunden“ werden, die auf dem „Markt“ über die Lehre mitbestimmen.

Nichts von dem ist eingetreten. Es begann mit dem klugen Richterspruch in Karlsruhe, nach dem eine Richtlinie von bis zu 500 Euro pro Semester als sozialverträglich galt. Damit waren die Gebühren in den sieben Ländern, die sie einführten, auf eine moderate Höhe gedeckelt – ihre Wirkung begrenzt, im Guten wie im Schlechten. Bestimmte Unis konnten nicht das Doppelte ihrer früheren Etats einspielen. Doch andererseits drängten auch keine Gebührenflüchtlinge in gebührenfreie Länder. Möglicherweise ist die niedrige Höhe der Gebühren auch ein Grund dafür, dass es für Deutschland keinen eindeutigen Befund darüber gibt, ob sie nun abschreckend gewirkt haben oder nicht. Massenhaft Stipendien gibt es nicht. Obwohl der Staat zwei Drittel zuschießt, hat die Wirtschaft immer noch keine Lust, groß in das „Deutschlandstipendium“ von Bundesbildungsministerin Annette Schavan einzusteigen.

Dass die CSU sich vor den Wahlen in Bayern nun vom geplanten Volksbegehren der Freien Wähler beeindrucken lässt, verweist aber auf etwas Größeres. Der Zeitgeist hat sich gedreht. Der Mittelschicht ist aufgegangen, dass es gar nicht nötig ist, tapfer den Familienschmuck zu verscherbeln, um Deutschland zu entlasten und den Kindern das Studium über Gebühren aus der eigenen Tasche zu finanzieren. Die Bankenkrise wirft ein anderes Licht auf die Welt, ebenso immer neue Studien über den wachsenden Reichtum der Reichen in Deutschland. Es ist sehr wohl Geld da für die Hochschulen, man muss es aber über Steuern einsammeln, auch vom Chefarzt. Das wird auch der Krankenschwester sehr recht sein.

Bayerns Bürger sind im Begriff, sich etwas von der guten alten Bundesrepublik zurückzuerobern. Dort galt gebührenfreie Bildung als soziale Errungenschaft.

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