Meinung : Studiengebühren: Warum sanfter Zwang humaner ist

Uwe Schlicht

Deutschland wirbt im Ausland mit einem gebührenfreien Studium, während die Spitzenuniversitäten in den USA astronomische Studiengebühren verlangen. Dennoch ziehen ehrgeizige Ausländer die USA vor. Nicht das Geld entscheidet allein über den Studienort, gewichtiger ist das Renommee. Universitäten in den USA, die eine Betreuung der Studenten in kleinen Gruppen von zehn bis 15 Teilnehmern garantieren, sind attraktiver als deutsche Massenhochschulen. Mit 100 bis 150 Teilnehmern in Seminaren und einem immer noch nicht klar gegliederten Studium gerät der Ausländer hierzulande in ein Chaos. Chaos als Folge einer vernachlässigten Hochschulpolitik. Dauerhafte Unterfinanzierung rächt sich.

Aus dieser Lage kann man zwei Schlüsse ziehen. Der eine: Die Studenten müssen selbst einen Beitrag zur Finanzierung der Hochschulen leisten. Die entgegengesetzte Antwort lautet: Soll man die Studenten für die Versäumnisse des Staates büßen lassen? Also keine Gebühren. Beide Alternativen sind falsch. Es gibt nicht nur Versäumnisse auf Seiten des Staates, es gibt auch Mentalitäten, die sich über Jahre eingeschlichen haben, und es gibt Studenten, die der Bildungsexpansion nicht gewachsen sind. Die einen schieben das Abschlussexamen hinaus, weil sie das Studium als nach-jugendliche Phase extensiv ausleben wollen; die anderen verzögern das Examen, weil sie Angst vor der Stunde der Wahrheit haben. Und dann gibt es noch die Studenten, die zum Lebensunterhalt jobben müssen. Ihnen muss man eine genügende Karenzzeit zur Studienzeitverlängerung einräumen, bevor man an Gebühren denkt. Vier Semester sollten dazu reichen, sofern noch für Härtefälle Raum bleibt.

Wie ein Gummiband

Es ist keineswegs human, Studenten, die sich der Härte der Leistungsgesellschaft noch nicht aussetzen wollen, unbegrenzt Zeit zu lassen. Humaner ist es, ihnen eine klare Vorgabe zu setzen. Wer weiß, dass er nach zwölf oder 13 Semestern das Examen ablegen oder danach Studiengebühren zahlen muss, wird sein Studium anders organisieren, als wenn er es dehnen kann wie ein Gummiband. Gebühren für Langzeitstudenten sind keine Strafe, sondern eine hilfreiche Lenkung. Das hat das Bundesverwaltungsgericht am Beispiel Baden-Württemberg richtig beurteilt.

Gebühren für das Erststudium sind jedoch derzeit nicht sinnvoll. Die desolate Lage an etlichen Hochschulen und die Arbeitslosigkeit haben Zweifel an dem Sinn eines Studiums aufkommen lassen. Und das in einer Zeit, da Deutschland mit Green Cards im Ausland um Akademiker wirbt und im internationalen Vergleich mit einem Anteil von 28 Prozent Studienanfängern pro Jahrgang den Entwicklungen hinterherläuft. In Deutschland muss wieder für ein Hochschulstudium geworben werden. Da könnten Studiengebühren für alle abschreckend wirken.

Doch ausgerechnet in der Hochburg der Langzeitstudenten, in Berlin, bleiben Studiengebühren weiter ausgeschlossen. Die CDU hatte Studiengebühren für Langzeitstudenten im künftigen Hochschulgesetz verankern wollen - darauf kündigte ihr der damalige Koalitionspartner, die SPD, die Gefolgschaft auf. Jetzt hat die neue Wissenschaftssenatorin Adrienne Goehler Gebühren für Langzeitstudenten kategorisch abgelehnt. Der Wahlkampf steht bevor, und Rot-Grün sucht nach Positionen, um bei der jungen Generation Punkte zu machen. Das sagt genug.

Kein Zweifel - die Berliner Verhältnisse sind alles andere als attraktiv. Während in Deutschland 43 Studenten auf einen Professor kommen, sind es in wichtigen Studiengängen der Freien Universität zwischen 140 und 219 Studenten. Leider hat für die Landesregierung in Berlin nur die Schulpolitik Priorität. Senat und Parlament haben immer noch nicht begriffen, dass man heute die gesamte Periode vom Kindergarten bis zum ersten Hochschulabschluss im Blick haben muss. Sonst bleibt das Ziel, die Studenten mit 23 statt mit 28 Jahren in den Beruf starten zu lassen, weiter nur ein Traum.

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