Studieren ohne Abitur : Eine Chance für kluge Menschen

Berlin hat die Zeichen der Zeit erkannt, in Brandenburg verschließt man die Augen.

Susanne Vieth-Entus

Die Berliner Humboldt-Universität erweist sich als experimentierfreudig. Sie will es Nichtabiturienten erleichtern, ein reguläres Studium aufzunehmen. Anders ausgedrückt: Kluge, fleißige, wissbegierige, ehrgeizige Menschen sollen nicht am Studieren gehindert werden, nur weil sie kein Abitur in der Tasche haben. Man kann die Idee des Humboldt-Präsidenten aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, ohne dass sie an Charme verliert. Da ist zum einen die persönliche Ebene: Warum sollte man einem Menschen, der zwar begabt genug ist, aber in der Pubertät die Lust an der Schule verlor, für alle Zeiten dafür bestrafen? Oder warum sollte man ihn dafür büßen lassen, dass seine Eltern ihm nicht rechtzeitig den Weg zum Abitur geebnet haben?

Aber auch wirtschaftspolitisch wäre es grob falsch, guten Leuten den Zugang zu einer akademischen Ausbildung zu verbauen. Schließlich ist der Fachkräftemangel in Deutschland so groß, dass die Bundesbildungsministerin im Konzert mit Verbänden und Kammern zum Ausgleich einen Fachkräftezuzug aus dem Ausland befürwortet. Da interessiert es niemanden mehr, ob die Betreffenden in ihrer Heimat ein Abitur abgelegt haben, das deutschen Ansprüchen genügt. Und dann gibt es noch den Demographiefaktor. Angesichts des beängstigenden Geburtenrückgangs und der schnellen Technologieentwicklung werden die OECD und ebenso die deutsche Wissenschaftselite nicht müde, für ein „lebenslanges Lernen“ zu werben. Auch in dieser Hinsicht sollte sich der Staat über jeden Menschen freuen, der – sozusagen außer der Reihe – mit einem Hochschulstudium beginnt.

Allerdings ist ein Vorstoß wie der an der Berliner Humboldt-Universität nur sinnvoll, wenn er nicht von falschen bildungspolitischen Entscheidungen konterkariert wird. Wenn etwa das Land Brandenburg gerade dabei ist, den Zugang zu seinen Gymnasien drastisch zu erschweren, indem es die Hürden hochsetzt und damit vielen Kindern die Aussicht auf ein Abitur verstellt, hilft es der deutschen Wirtschaft und Wissenschaft nicht viel weiter, wenn einzelne Universitäten etwas großzügiger werden bei ihren Aufnahmebedingungen. Berlin hat die Zeichen der Zeit erkannt, das Nachbarland verschließt die Augen.

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