Sturmkatastrophe in Birma : Warnungen in den Wind geschlagen

An den vielen Opfern des Zyklons ist Birmas Regierung schuld.

Alexander S. Kekulé

In Südostasien ereignete sich am vergangenen Wochenende die schlimmste Katastrophe seit dem Tsunami von 2004. Der Zyklon "Nargis“ raste Freitagabend auf Birma zu, mit Windgeschwindigkeiten von 210 Stundenkilometern und einer drei Meter hohen Flutwelle. Die Menschen auf den kleinen, dem Festland vorgelagerten Inseln wurden vollkommen überrascht, unzählige Schiffe sanken. Auf seinem Weg in das Mündungsdelta des Irawadi, des größten Flusses des Landes, spülte "Nargis“ einige hundert Siedlungen fort.

Auch die Bewohner von Rangun, der unweit der Küste gelegenen Hauptstadt, waren nicht vorbereitet. Häuser stürzten ein, die Versorgung der Viermillionenstadt mit Strom und Wasser brach zusammen. Als der Wirbelsturm am Sonntag endlich im Landesinnern zur Ruhe kam, hatten nach derzeitiger Schätzung mehr als 20 000 Menschen ihr Leben verloren. Hunderttausende sind obdachlos. Durch den Ausfall der Reisernte, die unmittelbar bevorstand, droht den 48 Millionen Einwohnern des bettelarmen Landes eine Hungerkatastrophe.

Weit weg von der Tragödie zieht ein stiller Beobachter seine Bahn. Sein Auge ist nicht auf die Erdbewohner und ihr Leid, sondern ausschließlich auf die Wolken am Himmel gerichtet: Der Wettersatellit Aqua erstellt aus 705 Kilometer Entfernung mit seiner Wärmebildkamera metergenaue Temperaturprofile der Wassertropfen in der Atmosphäre. Alle 2,67 Sekunden funkt er ein Bild zur Bodenstation.

Fünf Tage vor der Katastrophe, am 27. April, kreuzte Aqua wie jeden Tag gegen Mittag den Äquator in nördlicher Richtung. Dabei entdeckte der Wetterbeobachter einen kleinen tropischen Sturm im Indischen Ozean. Am übernächsten Tag hatte sich der Sturm bereits in einen handfesten Zyklon verwandelt, Position 1000 Kilometer süd-südwestlich von Kalkutta. Die Satellitenfotos des Wolkenwirbels prangten jetzt auf der Website der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), für Flugzeuge und Schiffe wurden Warnungen ausgegeben.

Auf der WMO-Weltkarte erschien ein kleiner, blauer Kringel mit der Bezeichnung "Nargis“, daneben die beunruhigenden Daten: Windgeschwindigkeit 180 Stundenkilometer, Wellenhöhe 7,3 Meter, Tendenz zunehmend. Bewegung des Sturmzentrums nordöstlich. Berechneter Übertritt an Land: Birma, westlich von Rangun im Delta des Irawadi, am Freitag, den 2. Mai.

Drei Tage Vorwarnung ist eine lange Zeit. In den USA, Japan oder Australien wären jetzt die Evakuierungsmaßnahmen auf Hochtouren gelaufen. Auch Indien und Indonesien haben nach dem Tsunami von 2004, der 181 000 Menschenleben forderte, mit der Entwicklung von Warnsystemen und Evakuierungsplänen begonnen. Doch die birmanische Militärjunta schirmt das Land hermetisch von der Welt ab. Selbst nach dem Tsunami durften keine Helfer einreisen, die damaligen Opferzahlen in Birma sind bis heute unbekannt. Obwohl rund die Hälfte der Bevölkerung in besonders gefährdeten Gebieten lebt, gibt es in Birma offenbar bis heute keine staatliche Katastrophenvorsorge.

Die internationale Hilfe für Birma, die diesmal von der Junta mit Einschränkungen akzeptiert wird, muss deshalb mit dringenden Appellen für mehr Offenheit und internationale Kooperation in humanitären Fragen verbunden werden. Eine Schlüsselrolle könnte hier China spielen, der engste Verbündete der birmanischen Diktatoren.

Zyklon "Nargis“ ist auch eine Warnung an Indien, Indonesien und andere gefährdete Regionen (Mittelamerika, Pazifikküsten), den begonnenen Aufbau der Warnsysteme voranzutreiben. Da Wirbelstürme und Tsunamis insbesondere küstennahe Regionen gefährden, können durch Evakuierung ins Landesinnere viele Opfer vermieden werden.

Die Machthaber in Birma (englisch: Burma) haben das Land übrigens 1989 in „Myanmar“ umbenannt, die Hauptstadt Rangun heißt jetzt offiziell "Yangon“ – Kritiker des Regimes schlagen jedoch vor, die alten Namen weiter zu benutzen. Aus dem Tsunami zog die Junta ihre ganz persönlichen Konsequenzen: Sie verlegte den Regierungssitz 2005 von Rangun im Irawadi-Delta nach Pyinmana, einen sicheren Ort im Landesinnern.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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