Meinung : Sturz der T-Aktie: Kein Papier für schwache Nerven

Corinna Visser

Die T-Aktie hat aus uns Deutschen ein Volk der Aktionäre gemacht. Das hat uns alle reich gemacht. Und jetzt? Jetzt sind wir wieder arm. Seit vergangenem März, als das Papier der Deutschen Telekom seinen Höhenflug bei 105 Euro abrupt beendete, ist der Aktienkurs auf steilem Weg nach unten. Und in den vergangenen Tagen hat sich der Abwärtssog noch einmal beschleunigt. Mittlerweile müssen für die T-Aktie nicht einmal mehr 30 Euro gezahlt werden. Das ist das gleiche Unternehmen, das an der Börse einmal 315 Milliarden Euro wert war. Heute wäre die ganze Telekom für 85 Milliarden Euro zu haben. Das Geld der Anleger ist vernichtet. Wer ist schuld?

Die Frage muss sich vor allem Telekom-Chef Ron Sommer gefallen lassen. Er ist angetreten, um das Vermögen seiner Anteilseigner zu mehren. Eine Weile lang ist ihm das auch gelungen. Sommer, das Marketing-Genie, hat seit 1996 in drei Schritten 1,2 Milliarden Aktien an der Börse verkauft. Abgesehen von der verpatzten Fusion mit Telecom Italia kann man ihm keine eklatanten Fehler bei der Unternehmensleitung vorwerfen. Auf dem deutschen Markt schlägt sich die Telekom besser als erwartet. Es sind eher die Wettbewerber, die um ihr Überleben fürchten müssen. Wenn die Börse ihm jetzt keinen Strich durch die Rechnung macht, gelingt Sommer sogar der lang geforderte Schritt in die USA - durch die Übernahme der Mobilfunkfirma Voicestream.

Die Anleger beruhigt das alles nicht. Sie nehmen Sommer übel, dass er viele Milliarden für Lizenzen und den Aufbau der neuen UMTS-Technik ausgibt. Doch so machen es alle. Die ganze Branche kannte im vergangenen Jahr nur ein Thema: UMTS. Hätte die Telekom sich geweigert, auf dieser Welle mitzuschwimmen, wäre die Aktie schon viel früher abgestürzt. UMTS ist Zukunftsmusik. Alle waren von dem Klang begeistert - Anleger und Analysten. Nun lauschen sie wieder der Gegenwart und betrachten statt der Chancen die Realität. Die Gegenwart der Telekom-Branche sind Schulden. Hohe Schulden. Doch wer viel Geld ausgibt, muss viel Geld verdienen. Heute überwiegen die Zweifel - und der Index der Branche stürzt ab.

Die Analysten hätten uns warnen sollen. Sie prüfen die Unternehmen auf Herz und Nieren. Sie sprechen die Empfehlungen aus. Doch auch die Analysten können sich nicht frei machen, von der Stimmung an den Märkten. Ein und derselbe Unternehmenswert kann ganz unterschiedlich bewertet werden, je nachdem, ob Chancen oder Risiken im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Dass diese Trends nicht so leicht zu brechen sind, liegt auch daran, dass es Marktteilnehmer gibt, die von diesen Tendenzen profitieren. Das sind Spekulanten. Sie setzten derzeit auf einen fallenden Telekom-Kurs. Und machen ein gutes Geschäft.

Telekom-Chef Ron Sommer, die Analysten und die Spekulanten. Keiner hat uns gewarnt, doch niemand eignet sich wirklich als Sündenbock. Sind also doch die Anleger die Dummen? War dumm, wer im vergangenen Jahr auf die Versprechungen des Ron Sommer hereinfiel und bei 66,50 Euro noch einmal T-Aktien nachkaufte? Nein. Niemand kann in die Zukunft schauen. Das klingt trivial. Aber viele Anleger haben das eine Zeit lang vergessen. Vielleicht haben sie gemeint, die T-Aktie sei eine besondere Aktie. Das stimmt: Sie ist eine besonders riskante Aktie. Doch abwarten: Bei den rasanten Kursabstürzen wird vielleicht bald wieder von Kaufkursen gesprochen. Und wer seine T-Aktien heute noch nicht verkauft hat, der ist arm bisher nur auf dem Papier. Verloren ist bislang nichts.

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