Meinung : Suche nach dem verlorenen Ziel Von Ulrike Scheffer

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Das System Neudeck hat sich überlebt. Wo Menschen in Not waren, tauchte Rupert Neudeck auf, meist vor allen anderen. „Hier sterben Menschen, hier müssen wir helfen“, so einfach, so klar, so fordernd waren seine Botschaften, die er in die Kameras mitgereister Fernsehteams sprach. Schon Neudeck setzte auf die Medien. Und schon an seinen Kampagnen gab es Kritik – an den Alleingängen, seinen politischen Absichten, seiner Weigerung, mit den UN zusammenzuarbeiten, und nicht zuletzt seiner Buchhaltung, die ihm am Ende über den Kopf gewachsen war. Durch seine Eigenwilligkeit und Beharrlichkeit erwarb er sich aber auch viele Anhänger. Das hat ihn lange getragen. Am Ende musste er aber doch dem wachsenden Druck weichen.

Der neue CapAnamur-Chef kann nur scheitern, wenn er versucht, dort weiterzumachen, wo Neudeck aufgehört hat. Er hat keinen Kredit. Deshalb kann er nicht auf Nachsicht hoffen, wenn eine Aktion schlecht vorbereitet ist: Sicherlich kann man medienwirksam auf Missstände im EU-Asylrecht hinweisen, auf die Tragödien, die sich vor Europas Küsten abspielen. Doch hier passte einfach nichts zusammen. Zunächst ging es um die aktuelle Krise in Sudan, dann um die Abschottung der EU und am Ende nur noch um Cap Anamur. Die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer und die notwendigen Verbesserungen bei der EU-Asylpolitik traten in den Hintergrund.

Helfer haben es heute freilich auch schwerer. Als Neudeck 1979 ins Südchinesische Meer schipperte und mehr als 10 000 Bootsflüchtlinge aus Vietnam rettete, war die Welt der Helfer irgendwie noch in Ordnung. Täter und Opfer waren klar zu unterscheiden – hier das kommunistische Unrechtsregime, dort die Drangsalierten. Heute erscheinen Bürgerkriege komplizierter, die Frontlinien verwischen. Das gilt selbst für die Flüchtlingsströme im Mittelmeer. Auch junge Menschen, die keine Not leiden, suchen den Weg nach Europa. Ebenso Islamisten. Ein Grund mehr für Organisationen wie Cap Anamur, ihre Aktionen gut vorzubereiten und die Öffentlichkeit ausgewogen zu informieren.

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