Südafrika : Nicht verspielen

Südafrika hat in den vergangenen Jahren Bemerkenswertes vollbracht. Die neuen Stadien gehören zu den schönsten der Welt, viele Straßen und Flughäfen sind modernisiert worden. Auch das Aufkommen einer (kleinen) schwarzen Mittelschicht ist ermutigend. Dennoch täten Regierung und Fifa gut daran, die Erwartungen an die WM nicht zu hoch zu schrauben.

Wolfgang Drechsler

Ke Nako“ rief Nelson Mandela und gab den Startschuss zur Auslosung für die Fußball-WM. „Ke Nako“ ist Sotho und heißt: „Es ist an der Zeit“. Es ist das offizielle Motto der Weltmeisterschaft 2010, die in sechs Monaten am Kap angepfiffen wird – und in Südafrika so vieles zum Guten wenden soll. Der Auftakt war ein Erfolg. Schwarz und Weiß strömten zu Zehntausenden in Kapstadts Partymeile unterm Tafelberg und feierten einträchtig den großen Moment. Es war der Beweis dafür, dass die WM in den Herzen der Menschen angelangt ist. Die Vorfreude ist riesengroß – genau wie die Hoffnungen der Menschen.

Südafrika hat in den vergangenen Jahren Bemerkenswertes vollbracht. Die neuen Stadien gehören zu den schönsten der Welt, in vielen Städten sind Straßen und Flughäfen ausgebaut oder modernisiert worden. Und auch das Aufkommen einer (kleinen) schwarzen Mittelschicht ist ermutigend. Dennoch täten seine Regierung und auch der Weltfußballverband Fifa gut daran, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Der zarte Wirtschaftsaufschwung seit der Jahrtausendwende und die Vergabe der Fußball-WM an das Land haben bei den Machthabern zu einer Selbstzufriedenheit geführt, die viele Gefahren birgt. Im Grunde müsste Südafrika doppelt so stark wie in den letzten zehn Jahren wachsen, um seine hohe Arbeitslosigkeit von über 25 Prozent und die damit verbundene Armut und Kriminalität wirksam zu bekämpfen.

Doch statt ein attraktives Umfeld zu schaffen und seine demokratischen Institutionen zu stärken, versucht der übermächtige ANC die Macht weiter zu zentralisieren – und das Land durch immer mehr staatliche Intervention und Umverteilung auf einen höheren Wachstumspfad zu führen. Als besonders verhängnisvoll hat sich die Politik des Black Economic Empowerment (BEE) erwiesen. Die schlimmen Folgen dieser Quotenpolitik, mit der die Regierung eine schnelle Integration der Schwarzen in die von Weißen dominierte Wirtschaft anstrebt, sind inzwischen deutlich geworden: Diese Politik hat allein den Eliten genützt und wenige Schwarze märchenhaft reich gemacht. Für die übergroße Mehrheit der Schwarzen hat sie aber gar nichts gebracht. Schlimmer noch, die von Ex-Präsident Thabo Mbeki forcierte Politik hat die bereits weit offene Schere zwischen Arm und Reich noch weiter geöffnet und die Korruption vorangetrieben.

Enttäuscht kritisieren viele am Kap nun, dass der Vorlauf zur WM wenig verändert habe. Ein paar Funktionäre im hoch korrupten südafrikanischen Fußballverband Safa hätten sich massiv bereichert – und im Gegenzug ihr Land an die Fifa verkauft. Symptomatisch dafür ist auch die nicht vorhandene Nachwuchsarbeit der Safa. Ganz Ähnliches lässt sich auch für das staatliche Schulsystem Südafrikas diagnostizieren, wo das Niveau der Abschlüsse mit jedem Jahr sinkt – und das Land seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit beraubt wird.

Zwei goldene Gelegenheiten für einen Neuanfang hat Südafrika bereits vertan: zunächst den Mandela-Bonus, dann den Rohstoffboom der vergangenen Jahre. Mit der WM im eigenen Land verknüpft sich nun die Hoffnung, dass sie den Menschen noch einmal Anlass zum verbindenden Stolz auf ihr Land gibt. Die Zeit drängt. Für Südafrika ist es die vielleicht letzte Chance. Das Land darf sie nicht verspielen.

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