Meinung : Südafrikas Farbenlehre

Schwarze bleiben ihrem ANC treu – ein gefährlicher Trend

Wolfgang Drechsler

Das Resultat der Parlamentswahlen gleicht einem ethnischen Zensus: Die überwältigende Mehrheit der Schwarzen hat für den Afrikanischen Nationalkongress ANC votiert. Das Gros der „Nicht-Schwarzen“ – Weiße, Mischlinge und indischstämmige Südafrikaner – hat für die liberal-konservative Demokratische Allianz (DA) gestimmt. Zehn Jahre nach Abschaffung der Rassentrennung besteht eine enge Beziehung zwischen Hautfarbe und Parteien-Loyalität. Obwohl sich am Kap inzwischen eine politische Kultur herausschält, die von Toleranz geprägt ist, ist Südafrika noch längst keine normale Demokratie.

Der ANC ist vor allem deshalb populär, weil er die Lebensbedingungen der Schwarzen punktuell verbessert hat: In zehn Jahren wurden 1,4 Millionen Häuser gebaut, die Wasserversorgung verbessert und durch die Ausgabe von Renten Afrikas größter Wohlfahrtsstaat geschaffen. Gleichwohl sind diese Jahre keineswegs befriedigend verlaufen: Bedrückend ist, dass heute jeden Monat mehr Südafrikaner an Aids sterben als der politischen Gewalt in den letzten 20 Jahren zum Opfer fielen. Die Kriminalität bleibt unakzeptabel hoch und die Arbeitslosigkeit ist auf über 40 Prozent geschnellt.

In einem Nationalstaat mit seinem hohen Wechselwählerpotenzial hätte die Opposition unter solchen Bedingungen beste Aussichten, die Regierung zu verdrängen. In Südafrika sind die Loyalitäten dagegen eingefroren. Studien haben ergeben, dass enttäuschte ANC-Wähler lieber nicht zur Wahl gehen, statt ihre Stimme einer anderen Partei zu geben. Umgekehrt macht sich in der Opposition Frust breit, weil ihre Anhänger allen Bemühungen zum Trotz nichts gegen die numerische Übermacht des ANC ausrichten können. Die Machtverteilung scheint festgelegt: hier die herrschende Mehrheit, dort die beherrschten Minderheiten.

Südafrika hat starke politische Institutionen wie eine freie Presse, unabhängige Gerichte, streitlustige Gewerkschaften und eine breite Mittelklasse. Diese Faktoren bilden ein starkes Gegengewicht zu der Tyrannei, unter der andere Teile Afrikas leiden. Doch Vorsicht ist geboten. Einiges deutet darauf hin, dass der ANC die Macht genau so will wie seine weißen Vorgänger – unverdünnt. Eine Partei mit dem Rückhalt von zwei Dritteln aller Wähler müsse, so der Tenor im ANC, die Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen umformen können. Doch gerade die Minderheiten, die 80 Prozent aller Steuern zahlen, sind wirtschaftlich unersetzlich und müssen in die neue Nation integriert werden. Sollte der ANC zu lange am Ruder bleiben, könnte die Grenze zwischen Partei und Staat verwischen und auch am Kap eine Selbstbedienungsmentalität einziehen, die in anderen Teilen Afrikas schweren Schaden angerichtet hat.

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