Südkoreas Deal mit den Taliban : Lösegeld in neuer Währung

Seoul hat sich politisch erpressen lassen. Das ermuntert die Taliban zu weiteren Entführungen.

Clemens Wergin

Als sich die Taliban vor die Kameras stellten und den Handel mit Südkorea verkündeten – Austausch der 19 koreanischen Geiseln gegen die Zusicherung Seouls, bis Ende des Jahres Soldaten und Missionare aus Afghanistan abzuziehen – war das der größte Propagandaerfolg radikaler Islamisten, seit die spanische Regierung von José Maria Aznar abgewählt wurde und die neue sozialistische Regierung sich aus dem Irak zurückzog. Sicher, das Kleingedruckte ist immer komplizierter als die Propaganda: Aznar war nicht nur abgewählt worden, weil eine Mehrheit der Spanier nach den Anschlägen von Madrid das Gefühl hatte, seine Irakpolitik habe sie ins Visier von Al Qaida gerückt, sondern auch, weil er nach dem Anschlag lange daran festgehalten hatte, dass es sich um einen baskischen und keinen islamistischen handelte. Und Seoul hat sich jetzt nur zu Dingen verpflichtet, die die Regierung schon vorher beschlossen hatte. Der Rückzug war lange geplant und nach der Geiselnahme hatten südkoreanische Aufbauhelfer und Missionare ohnehin das Land verlassen. Dennoch kommt man um die Erkenntnis nicht herum, dass Südkorea sich politisch hat erpressen lassen. Der Regierung steht es jetzt nicht mehr frei, die Abzugsentscheidung rückgängig zu machen oder nach einer Beruhigung der Lage wieder Helfer nach Afghanistan reisen zu lassen.

Zum ersten Mal, seit die Taliban vertrieben wurden, ist es ihnen gelungen, das politische Handeln einer ausländischen Regierung zu konditionieren. Angela Merkel hat in Japan gesagt, dass der Deal Südkoreas nichts an „Art und Umfang“ der deutschen Aktivitäten im Fall des verschleppten Bundesbürgers ändere. Tatsächlich steigt der Preis für Entführte aber rapide. Nicht heimlich überbrachtes Lösegeld war die Währung, in der Seoul gezahlt hat, sondern politische Zugeständnisse. Das macht die Arbeit für andere westliche Regierungen, die sich um die Freilassung ihrer Bürger bemühen, nicht einfacher. Und es signalisiert den Taliban, dass es mit der Standfestigkeit von Demokratien bisweilen nicht weit her ist. Seouls Einknicken wird die Extremisten nur zu weiteren Entführungen ermuntern.

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