Meinung : Tag der Deutschen Einheit: Nur noch Wessis - sogar in Weimar

Harald Martenstein

Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland ein Modewort, das heute fast vergessen ist. Es hieß Staatsverdrossenheit. Die Staatsverdrossenheit blühte in beiden Teilen des Landes, im Westen und im Osten. Der westliche Staatsverdrossene war gelangweilt, Zuschauer in einem Film, dessen Handlung ins Nirgendwo führt. Der östliche Staatsverdrossene suchte sich eine Nische und versteckte sich dort. Dann kam die Einheit.

Jetzt, erst jetzt, kapieren wir, dass wir alle Westler geworden sind. So ähnlich erzählen es einem zurzeit viele, die im Osten Deutschlands groß geworden sind. Mensch, sagen sie, in Lichtenberg haben etliche Leute nach dem 11. September doch tatsächlich amerikanische Flaggen aus den Fenstern ihrer Plattenbauten gehängt!

Den Deutschen wird wieder einmal bewusst, dass sie tatsächlich ein Volk sind, ein zerstrittenes Volk selbstverständlich, aber eines mit einem gemeinsamen Staat. Ob wir uns mögen oder nicht, wir gehören zusammen, wir haben gemeinsame Freunde, Pflichten, Gegner. Diesem Staat stellen sich die üblichen großen Staatsfragen, die niemand gerne hört, Bündnisfragen, sogar Fragen nach Krieg und Frieden. Egal, wie man sie für sich beantwortet, egal, wo man steht, man gehört nun mal dazu und muss die Folgen mittragen.

Das sind gleich mehrere neue Erfahrungen auf einmal - zum Beispiel die Erfahrung, wie schwierig es sein kann, in einem normalen Staat zu leben, einem, der sich nicht in Quarantäne oder im Dornröschenschlaf befindet. Oder die Erfahrung, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die gemeinsam für ihre Entscheidungen haftet, auch Entscheidungen, in denen es um Leben und Tod geht. Manchmal wird man immer noch kritisiert, wenn man es auch nur ausspricht - die Reizwörter. Leben und Tod. Krieg und Frieden.

Wenn es nur helfen würde, sich die Ohren zuzustopfen. Man wäre so gerne aus der Geschichte geflohen, in den Zuschauerraum. Man wäre so gerne geblieben, was man ist. Man hätte so gerne noch zwanzig oder dreißig Jahre liebevoll seine ost- oder westdeutschen Erinnerungen gepflegt, man hätte Konjunkturberichte gelesen, den Aufbau Ost gefördert, die Neonazis bekämpft und hin und wieder für UN-Einsätze ein paar Milliarden zur Verfügung gestellt.

Die Terroristen des Mittleren Ostens haben zweifellos einen wesentlichen Beitrag zur inneren Einheit der Deutschen geleistet. Das festzustellen, klingt zynisch, dabei ist es nur angewandte Geschichtswissenschaft. Äußerer Druck, Konflikte, Bedrohungsgefühle, das alles schmiedet zusammen.

Wir, Ostdeutsche und Westdeutsche, reden plötzlich anders miteinander. Wir haben plötzlich ein paar gemeinsame Probleme. Wie weit soll, wie weit darf die Solidarität mit den Amerikanern gehen? Wie viel Freiheit sollen, wie viel müssen wir opfern, im Kampf mit dem Terrorismus? Wie offen müssen das Land und seine Grenzen bleiben, damit es seine Prinzipien nicht verrät? Diese Fragen stammen nicht aus der Vergangenheit, der Zeit der Teilung, an der viele von uns weiter herumlaborieren. Wir finden keine Antworten in unseren Biografien. Es hilft weder noch schadet es, ob einer nun mit zwanzig in der FDJ war oder 68er, Sänger im Kirchenchor oder Gitarrist in einer Punkband. Aber die meisten sind sich in der Ablehnung des islamistischen Fundamentalismus einig, auch die deutschen Türken und die deutsche Linke, auch die meisten Amerikakritiker. Deswegen ist der Streit produktiv, und wird bisher - fast - ohne Hysterie geführt: Es gibt eine gemeinsame Basis.

Nur eine einzige politische Strömung in Deutschland hat fast einhellig die Anschläge vom 11. September begrüßt. Das sind die Rechtsradikalen. Auch diese Erkenntnis hilft weiter auf dem Weg in die Zukunft.

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