Tag der Einheit : Die Deutschen schauen nicht mehr nur auf sich selbst

Die Reden von Präsident und Kanzlerin am Tag der Einheit kann man so deuten: Wir schauen am Jahrestag nicht mehr vor allem nach innen und danken denen, die die Einheit möglich gemacht haben, sondern Deutschland hebt den Blick - um den Nachbarn und dem Rest der Welt in die Augen zu sehen.

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Staatsspitzen und Kanzlerinnenraute: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle (von links) am 3. Oktober in Stuttgart.
Staatsspitzen und Kanzlerinnenraute: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Bundestagspräsident Norbert...Foto: dpa

Das vereinte Deutschland ist 23, es ist kein rundes Jubiläum und doch klingen die Töne von der Einheitsfeier etwas anders als sonst. Geht da die Nabelschau nach innen zu Ende?

Die Deutschen können die Reden von Bundespräsident Joachim Gauck und auch von Kanzlerin Angela Merkel so deuten: Wir schauen am Jahrestag nicht mehr vor allem nach innen und danken denen, die die Einheit möglich gemacht haben, sondern Deutschland hebt den Blick: um den Nachbarn und dem Rest der Welt in die Augen zu sehen. Sie schauen auf uns, sagt die Kanzlerin. Sie weiß inzwischen sehr wohl um das Gewicht Deutschlands und ihrer eigenen Stimme jenseits der Grenzen.

Die Deutschen sollen den Blick heben, sie sollen selbstbewusst sein, aber nicht überheblich werden. Und: stolz sein, zu dieser Nation zu gehören, sagt der Präsident. Da klingt eine gehörige Portion Pathos mit, die wir Deutsche uns selbst sonst gar nicht zutrauen.

Tag der Deutschen Einheit 2013
Zwei junge Männer genießen den sommerlichen 3. Oktober auf dem Schlossplatz in Stuttgart. An einem Rucksack haben sie drei Luftballons in den Farben Schwarz, Rot und Gelb gebunden. In diesem Jahr finden die offiziellen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Baden-Württembergs Landeshauptstadt statt.Weitere Bilder anzeigen
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03.10.2013 20:07Zwei junge Männer genießen den sommerlichen 3. Oktober auf dem Schlossplatz in Stuttgart. An einem Rucksack haben sie drei...

Gauck fordert nicht mehr und nicht weniger als ein erwachsenes Deutschland. Und was er in Stuttgart gesagt hat, klingt auch wie eine Antwort auf das, was US-Präsident Barack Obama den Deutschen vor einigen Monaten in der Sommerhitze am Brandenburger Tor zugerufen hat. Obama hatte den Einsatz der Deutschen für die Freiheit gelobt. Wer wollte, konnte daraus auch eine Aufforderung lesen, sich nach all den Mühen nicht auf sich selbst zurückzuziehen. Das meint jetzt auch Gauck, wenn er mit einem lapidar klingenden Satz eindringlich mahnt: Unser Land ist keine Insel. Deutschland soll bitteschön über seine Rolle in der Welt Rechenschaft ablegen.

Aber es soll sich dabei auch nicht klein machen. Das gilt für Gauck auch im Ringen um den richtigen Umgang mit der digitalen Revolution, deren Ausmaß durch die NSA-Enthüllungen so schmerzhaft deutlich geworden ist. Gauck spricht von einem Epochenwechsel, vergleichbar mit der industriellen Revolution. Geradezu monumental sagt er: Unser Bild vom Menschen wird sich wandeln. Mit Chancen und mit Risiken.

Fegen die digitalen Möglichkeiten also jene Freiheit weg, für die auch die Menschen damals bei der friedlichen analogen Revolution in der DDR gekämpft haben? Was darf ein Staat im Geheimen tun, um seine Bürger zu schützen, was darf er nicht, weil er sonst die Freiheit der Sicherheit opfert? Das fragt Gauck. Und das gilt eben nicht nur für den eigenen Staat, sondern auch im globalen Zusammenspiel. Mit dem neuen US-Botschafter in Deutschland, John B. Emerson – der wohl eine etwas andere Sicht vertritt –, könnte der Präsident gemeinsame Diskussionsforen von Rostock bis Regensburg initiieren, um die Debatte über Ausgeliefertsein und Selbstauslieferung nachhaltig ins Land zu tragen. Das wäre gelebte Nation.

Deutschland braucht eine breite Debatte über die Möglichkeiten und die Abgründe des Netzes, das längst in praktisch alle Bereiche des Lebens vorgedrungen ist. Es reicht nicht, auf Entwicklungen hinzuweisen. Gesetze und gesellschaftliche Verabredungen verlangen ein Fundament. Gauck will den Datenschutz so wichtig nehmen wie den Umweltschutz. Auch der wurde vor Jahren als Öko-Nische belächelt, heute postuliert ihn jeder Politiker. Streiten wir also über Wege, keine digitalen Untertanen zu werden. Es mag anstrengend sein. Aber es lohnt sich.

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