Meinung : Tagebuch einer Entfremdung

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Von Malte Lehming

Wer Tagebuch führt, legt jeden Abend Zeugnis ab. Meist mündet die Erinnerung in einer Bilanz. Die Geschehnisse, ganz gleich, wie zufällig und disparat sie gewesen sein mögen, werden mit Sinn gefüllt. Allein ihre zeitliche Verbundenheit reicht aus, um sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Zeitspanne vom Aufwachen bis zum Schlafengehen erhält eine Bedeutung. Manche Tage eignen sich besonders gut.

Donnerstag, der 2. Mai. Früh morgens die „Washington Post“ gelesen. Auf der Meinungsseite steht ein großer Artikel unter der Überschrift „Die Endlösung, Phase 2". Die ersten Sätze lauten: „Der Reichtum der europäischen Kultur ist daran zu erkennen, dass selbst Europas Dekadenz kreativ ist. Seit 1945 wurde dort das wirklich beeindruckende Phänomen eines Antisemitismus ohne Juden geschaffen. Im neuen Angebot findet sich ein christlicher Antisemitismus ohne Christen.“ Der gallige Autor bezieht sich auf jüngste Kommentare zum Nahostkonflikt. Den Antisemitismus in Europa hält er für die „dauerhafteste und erfolgreichste Ideologie“ der vergangenen hundert Jahre.

Mittags: Pressekonferenz von George W. Bush und einigen Europäern aus Anlass des traditionellen USA-EU-Gipfels. Der amerikanische Präsident wirkt gelangweilt. Die Europäer – Prodi, Aznar, Solana – loben ihn für seinen Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Alter und neuer Kontinent müssten weiter fest zusammenhalten, wird betont. Bush kaut auf der Innenseite seiner Wange herum. Der vorherige Meinungsaustausch im Oval Office hatte eine halbe Stunde gedauert, zehn Minuten je Europäer.

Nachmittags, in der deutschen Botschaft, erzählt Joschka Fischer von seinen Gesprächen in Washington. Auch in seinen Sätzen klingt transatlantische Entfremdung mit. Er spricht von „Differenzen in der Wahrnehmung wichtiger Ereignisse". Sein Gesamteindruck gebe ihm „Anlass zur Sorge". Das bezieht sich vor allem auf den Nahen Osten. Sichtlich betrübt diagnostiziert Fischer einen amerikanischen Anti-Europäismus.

Abendnachrichten: Beide Häuser des US-Kongresses haben mit überwältigender Mehrheit Pro-Israel-Resolutionen verabschiedet. Ariel Scharon wird unterstützt, Jassir Arafat verdammt. So einfach ist das. Das Weiße Haus ist nicht glücklich über solche Einseitigkeiten, konnte die Resolutionen aber nicht verhindern. In der kommenden Woche ist Scharon wieder bei Bush. Harte Worte muss er nicht befürchten. Arafat dagegen darf sich nur deshalb etwas freier bewegen, damit Israel ihn persönlich für den nächsten Selbstmordanschlag verantwortlich machen kann. Fischer hatte die Lage ungefähr so skizziert: Es müsse alles getan werden, um eine Situation zu erreichen, die Verhandlungen über die Frage ermöglicht, wann Verhandlungen beginnen können.

Was bringt diesen Donnerstag auf den Punkt? Da ist die nicht mehr kaschierte Unterordnung der Europäer. Seit Amtsantritt hat die Bush-Regierung ihre Muskeln spielen lassen. Von der Raketenabwehr bis zum Kyoto-Protokoll, vom Krieg in Afghanistan bis zu den Plänen zum Sturz Saddams: Amerika macht im Prinzip, was es will. Anfangs war Europa schockiert, inzwischen haben sich zumindest die Regierenden damit abgefunden. Jeder Besucher, der nach Washington kommt, streift die Samthandschuhe über und macht einen tiefen Knicks.

Verstärkt wird dieses Ohnmachtsgefühl durch die fehlende Dankbarkeit, mit der die Unterordnungsgesten erwidert werden. Amerika genügt sich in seiner Macht. Die Agenda wird von Themen beherrscht, in denen Europa keine Rolle spielt. Registriert werden lediglich antisemitische und propalästinensische Tendenzen. Denn die passen ins Bild. Nicht unterschiedliche Interessen lassen den transatlantischen Graben breiter werden, sondern die Selbstgefälligkeiten der letzten Supermacht und die Devotionen der Europäer. Amerika pendelt zwischen Ignoranz und Kritik, Europa zwischen Anbiederung und Resignation. Viel Gutes kann aus dieser Kombination nicht entstehen.

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