Taliban, Iran, Hamas : Von Angesicht zu Angesicht

US-Präsident Barack Obama würde mit moderaten Taliban verhandeln und mit den Mullahs in Teheran. Womöglich sogar mit Hamas-Anhängern. Die Zeit des dogmatischen Purismus ist vorbei. Doch wer mit dem Teufel spricht, muss ihn besiegen wollen.

Malte Lehming

In der Politik ist Reden oft Gold und Schweigen meist Blech. Das gilt besonders dann, wenn ein Konflikt festgefahren ist oder gar zu eskalieren droht. Was aber, wenn die Guten es nicht allein mit den Bösen zu tun haben, sondern auch mit den ganz Bösen – Tyrannen, Diktatoren, Terroristen, Verbrechern? Soll man mit dem Teufel sprechen in der Hoffnung, er möge zum Engel mutieren? Die Einwände liegen auf der Hand: Dem Teufel die Aufwartung zu machen, hieße, ihn aufzuwerten, ihn aus der Isolation zu befreien, Druck von ihm zu nehmen, ihn auf Zeitgewinn spielen zu lassen. Wer mit dem Feind frühstückt, riskiert, dass ihm ein abschreckendes Datum um die Ohren gehauen wird, München 1938, als Neville Chamberlain sich mit Adolf Hitler traf. Mit diesem Datum verbindet sich unzertrennlich das Wort „Appeasement“, Beschwichtigung, weil der Preis, den Chamberlain zahlte, die Tschechoslowakei war. Seitdem gehört der Appeasement-Vorwurf zum Teil jeder harten Wehret-den-Anfängen-Strategie.

US-Präsident Barack Obama würde, wenn’s der Sache dient, mit moderaten Taliban verhandeln und mit den Mullahs in Teheran. Weil sich die palästinensische Führung gerade neu sortiert, scheinen zumindest auch indirekte Gespräche mit Hamas-Anhängern möglich. Fehlt noch die Hisbollah – und der Teufelsreigen wäre komplett. Obamas Vorgänger, George W. Bush, hat solche Gespräche stets kategorisch ausgeschlossen. Andererseits ließ er seine Unterhändler jahrelang intensiv mit Nordkorea verhandeln, einer stalinistischen Atommacht, die Zehntausende von Menschen in so genannten Säuberungen exekutiert hat und Millionen verhungern ließ. Sein Vater wiederum, George H.W. Bush, schickte im Januar 1991 den damaligen US-Außenminister James Baker zu Konsultationen mit Saddam Husseins Außenminister Tariq Aziz nach Genf, obwohl der Irak kurz zuvor Kuwait überfallen und annektiert hatte. Das Ende ist bekannt: Baker blieb hart, Aziz blieb hart, im Golfkrieg wurde Kuwait wieder befreit.

Wer mit dem Teufel spricht, muss ihn besiegen wollen. Das ist die Lehre daraus. Nicht das Reden an sich sollte also mit einem Bann belegt werden, sondern nur eine das Reden begleitende einseitige Nachgiebigkeit. Natürlich durfte Chamberlain 1938 Hitler treffen, aber er durfte nicht die Tschechoslowakei an ihn verraten. Wer diese Regel beherzigt, verschafft sich durch direkte Gespräche mit dem Feind möglicherweise neue Optionen. Als sich im Dezember 1992 der israelische Wissenschaftler Yair Hirschfeld in London mit dem PLO-Finanzexperten Ahmad Qurej (Abu Alla) traf, um die Öffnung eines Geheimkanals zu erörtern, stand in der Charta der PLO als Ziel noch die Vernichtung ganz Israels, die PLO war eine Terrororganisation, mit der Kontakte aufzunehmen laut israelischen Gesetzen streng verboten war. Aus dem Londoner Treffen resultierten die Geheimverhandlungen in Oslo und daraus der Friedensprozess.

Die Zeit des dogmatischen Purismus ist vorbei. Weder die USA noch Europa oder Länder wie Israel können ihn sich länger leisten. Die globale Wirtschaftsdepression wird in Windeseile zu noch ungeahnten sicherheitspolitischen Herausforderungen führen. Der Iran wiederum kann womöglich in wenigen Monaten einen atomaren Sprengsatz zünden. Wer in einer solchen Lage allein seine Prinzipien hochhält, auf plötzliche Einsichten hofft oder auf das Wirken von Sanktionen, handelt fahrlässig. Obama hat das erkannt. Mögen andere ihm rasch folgen.

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