Meinung : Tanz in den Aufschwung

Von Pascale Hugues, Le Point

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Der Montag ist inzwischen zum Jour fixe für Hartz IV geworden. Am Dienstag dann ein Unwetter: Horst Köhler untergräbt das unantastbare Dogma der sozialen Gleichheit. Am Mittwoch ein weiterer Schock: der OECDBildungsbericht. Oh je! Mal wieder stehen die Deutschen als Sorgenkinder der internationalen Schulklasse da. Der Donnerstag, nicht schon wieder, bringt eine Reprise der Debatte um den Zahnersatz. Am schwarzen Freitag schließlich versinkt Deutschland endgültig in der Depression. Und am Samstag? Werden flugs eine Tüte Popcorn und eine Flasche Brause nebst Strohhalm gekauft, und dann nichts wie ab ins Kino! Auf dem Programm stehen „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ und „Rhythm is it!“. Zwei Filme, die zum Pflichtprogramm für alle Jammerlappen werden sollten, für alle Schwarzseher, Unkenrufer und Trübsalblaser, alle verstörten Pädagogen und Kassandren, die derzeit den Untergang dieses Landes prophezeien. Alle rein!

Monsieur Mathieu ist Aufseher in einer französischen Besserungsanstalt der Nachkriegszeit. Ein düsteres Etablissement mit der unnachgiebigen Devise: „Aktion! Reaktion!“ Die Schüler provozieren. Die Lehrer prügeln. Die Kinder gelten als unverbesserlich, als verloren für die Gesellschaft. Monsieur Mathieu ist der einzige, der an sie glaubt. „Jedes dieser Kinder trägt etwas Schönes in sich“, weiß er. Und Monsieur Mathieu ermuntert sie zum Singen. Simon Rattle und der Choreograf Royston Maldoom dagegen ermuntern sie in „Rhythm is it!“ zum Tanzen: die Hauptschüler der schwierigen Berliner Vororte. Sie setzen ihr ganzes Vertrauen in diese Heranwachsenden, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Rangordnung leben. „You can change your life in a dance class”, glaubt Royston Maldoom. „Musik ist kein Luxus“, weiß Simon Rattle: „Sie ist eine Notwendigkeit, so wie die Luft, die wir atmen. Wenn ich eine Religion habe, dann ist es diese.“

Die Erlösung durch die Kunst. Kein ganz neuer Gedanke. Eine der großen Utopien des vergangenen Jahrhunderts. Diese Woche las ich auf meinem Balkon den „Sozialistischen Erzieher“, ein kleines Berliner Pamphlet aus den zwanziger Jahren, in dem sozialdemokratische Pädagogen und Reformer davon träumen, die Welt auf den Schulbänken zu verändern: „Der Sozialismus will weit mehr als Brot für alle und gerechte Güterverteilung anstreben: Er will den Erwerb der geistigen Güter für alle ermöglichen. Er führt nicht zu einer Mechanisierung des Lebens, sondern zur höchsten und mannigfachsten Entfaltung aller Lebenskräfte.“ Es war das goldene Zeitalter des Sozialismus, dem damals noch eine bezwingende Ausstrahlung eigen war. Die meisten großen Katastrophen des Jahrhunderts waren noch ungeschehen. Ich grinste kopfschüttelnd in mich hinein, amüsiert von diesem aufgeblasenen Pathos, diesen Bekenntnissen eines naiven Glaubens. Ein bisschen lächerlich, all diese Schöndenker der sozialen Gerechtigkeit, diese Missionare der Kunst fürs Volk. Als ob ein Pas de deux oder ein Kanon das menschliche Dasein revolutionieren könnten!

Monsieur Mathieu und Sir Simon haben meinen Zynismus weggefegt. Denn es funktioniert: Die Kinder von Monsieur Mathieu finden singend ihren Geschmack am Leben wieder – und die Kinder von Sir Simon erkunden tanzend das Taktmaß ihrer inneren Kräfte. Mehr als sieben Millionen Zuschauer haben in Frankreich „Les enfants de Monsieur Mathieu“ gesehen, ein spektakulärer Rekord. Und bei der Premiere von „Rhythm is it!“ war das Publikum im Kino International restlos begeistert. Selbst die Berliner Dandys mit ihren schwarzen T-Shirts und Dreitagebärten, diese coolen, blasierten Dauergäste der Premierenpartys, konnten nach der Vorstellung das Lächeln nicht hinter ihren Sektgläsern verstecken. Der Optimismus, die Energie dieser Filme wirken Wunder. Es ist ganz einfach: Berlin braucht das. Wenn jetzt ab Montag alles anders würde?

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