Meinung : Tanz um die Macht

Die Schiiten im Irak zeigen Stärke, haben aber kein gemeinsames politisches Projekt

Clemens Wergin

Es war ein Fest der Freiheit – und zugleich eine beunruhigende Machtdemonstration der irakischen Schiiten. Hunderttausende Gläubige tanzten blutverschmiert und wie in Trance durch die Straßen Kerbelas, um ihre toten Märtyrer Hussein und Ali zu feiern. Was könnte die westliche Angst vor dem Orient besser illustrieren als diese Zurschaustellung seiner irrationalen Leidenschaften, seiner politischen Sprengkraft und Gefährlichkeit. Scheitern die Amerikaner gleich am Anfang des Demokratisierungsprozesses an den Schiiten, die mindestens mehr Macht, vielleicht gar einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild wollen?

In Washington ist man überrascht über den hohen Organisationsgrad der Schiiten im Irak. Doch wie in den meisten nahöstlichen Regimen war die Religion auch hier das einzige „Paralleluniversum“, das die Machthaber nicht gänzlich verbieten konnten. Und so gehören die Gemeinden, Religionsschulen und Moscheen zu den wenigen gesellschaftlichen Institutionen, die nach dem Zusammenbruch des Saddam-Staates noch Bestand haben – und in Zeiten des Übergangs Identität stiften. Das heißt aber nicht, dass die in den letzten Tagen sichtbar gewordene religiöse Energie auch in ein gemeinsames politisches Projekt münden muss. Denn Iraks Schiiten sind untereinander zerstritten, welchen Weg sie in Zukunft gehen wollen: den iranischen zum Gottesstaat oder den klassischen schiitischen Weg, der Religion und Staat als getrennte Sphären betrachtet.

Die in den letzten Tagen zu bestaunenden Trancezustände, die mystische Versenkung – sie sind im Kern unpolitisch. Aber instrumentalisierbar. Das beeindruckende Massenerlebnis hat sicher die Identität der Schiiten gestärkt und ihr Bewusstsein dafür, eine starke Gemeinschaft zu sein. Jetzt ist die Frage, wer diesen Massen eine Richtung gibt und den Machtkampf für sich entscheidet.

Ajatollah Sajed Ali Sistani ist der angesehenste irakische Geistliche und ein Gegner des iranischen Modells, gilt aber auch als altmodisch. Sein bedeutendster Gegenspieler ist der junge Moktada al Sadr, der Sohn eines von Saddam ermordeten Großajatollahs. Dritter im Machtkampf ist der Iran. Er kontrolliert weitgehend die größte irakische Oppositionsgruppe, den „Hohen Rat für die Islamische Revolution im Irak“. Wollen die Mullahs doch verhindern, dass sich im Irak ein staatsfernes schiitisches Modell als Konkurrenz zu ihrem Gottesstaat durchsetzt.

Offenbar hat sich Teheran besser auf den Machtwechsel vorbereitet als Washington. Der Iran hat schon vor einem Jahr begonnen, irakische Geistliche für die Zeit nach Saddam auszubilden; sie werden jetzt im Sinne Teherans aktiv. Die Mullahs haben früh verstanden, dass die Zukunft des Irak vor allem von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit entschieden wird – und weniger von den UN.

Die Alliierten sind beim Kampf um die Seele der Schiiten schlecht gestartet. Jetzt müssen die USA, aber auch die Europäer all ihren Einfluss darauf wenden, einen schiitischen Gottesstaat zu verhindern. Nur auf die Entwicklung weltlicher, zivilgesellschaftlicher Kräfte zu setzen, verspricht wenig Erfolg. Nach dem Ende der Zwangssäkularisierung unter Saddam tritt die religiöse und ethnische Zugehörigkeit wieder in den Vordergrund. Wer die Schiiten für das plurale Modell gewinnen will, muss die geistlichen Führer unterstützen, die zwischen Staat und Religion trennen. Sonst werden die traditionellen Ajatollahs wie Sistani zwischen den jungen Aktivisten und den vor Gewalt nicht zurückschreckenden Iran-Anhängern zerrieben. Und mit ihnen die Zukunft des Irak.

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