Technik : Und das Alte bewegt sich doch

Radio ist out? Bücher sind out? Die neue Zeit ist in? Unser Kolumnist Helmut Schümann wundert sich über zwei Studien, die das Gegenteil behaupten. Wahrscheinlich ist nur der Kulturpessimist out.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Mitunter rollt man auch mit dem Auto durch Deutschland. Ich zumindest. Auch wenn das ökologisch nicht sehr clever ist, aber bei den Bahnpreisen, was will man machen? Und wenn man dabei das Radio anmacht, fallen einem in den meisten Bundesländern die Ohren ab. Brüllkomische Moderatoren, saulustige Hörerspielchen, uroriginelle Musik, die man, wenn man zum Beispiel von Berlin nach München fährt, in Berlin gehört hat, dann in Brandenburg, dann in Sachsen-Anhalt, dann in Bayern, und weil Bayern besonders groß ist, hört man den gleichen Song dreimal. Und zwischen der uroriginellen Musik sind die brüllkomischen Moderatoren aber so etwas von voll gut drauf, zu jeder Tages- und Nachtzeit, dass man ihnen eigentlich gleich eine reinsemmeln ..., aber bitte, kein Aufruf zur Gewalt.

Hörspiele wären eine Alternative. Aber ist ein gesprochener Handke bei gleichzeitiger Konzentration auf den Straßenverkehr eine verkehrspolitisch sinnvolle Alternative? Zumal es Menschen gibt, ich gehöre dazu, die Bücher lieber in der Hand halten und lesen als hören. Man nennt das haptisch.

Womit wir beim zweiten Thema dieser Zeilen angekommen wären. Wie lesen wir? Wie wollen wir in Zukunft lesen? Digital? Analog? Wollen wir blättern? Oder wollen wir scrollen? Es gibt Trost für uns Kulturpessimisten.

Es wurden soeben zwei Studien erstellt. Die eine hat herausgefunden, dass im Auto das Radio jeden MP3-Player schlägt und auch jedes Smartphone. Die andere hat festgestellt, dass Kinder, und Kinder sind doch unstrittig die Zukunft, lieber Bücher lesen als E-Books oder anderen neumodischen Krimskram. Wahrscheinlich sind wir viel zu technikverliebt, wenn wir ständig den Tod des Altmodischen prophezeien. Um eine Analogie zum supertollen Radioprogramm zu schaffen: Wahrscheinlich blättern Kinder Bibi Blocksberg lieber um, als dass sie Benjamin Blümchen von der Kassette törören hören wollen.

Und was sagt uns das alles? Dass es sie noch gibt, die guten alten Dinge? Dass das Tempo dieser Zeit zwar keine Kleinigkeit ist, aber das Alte es doch übersteht? Seien wir versöhnlich in diesen herrlichen Sommertagen, auch wenn die aggressiven Wespen nerven und zur Gegengewalt geradezu aufrufen: Diese Zeilen wurden auf einem hochmodernen Laptop geschrieben und in Nullkommanix aus dem Urlaub in Bayern an die Zentrale in Berlin gesendet. Töröö!! Aber das Radioprogramm werde ich trotzdem erschlagen.

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