Meinung : Teenager bevorzugt

Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs nützt zu wenigen

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Alexander S. Kekulé Wissenschaftler brauchen viel Geduld. Oft vergehen Jahrzehnte, bis ihre Theorien endlich in den Lehrbüchern stehen. Die sind jedoch fast immer nur für Fachleute von Interesse – dass Ergebnisse der Grundlagenforschung die Menschheit glücklicher oder gesünder machen, hat Seltenheitswert.

Eine der seltenen Erfolgsgeschichten begann Anfang der 70er Jahre in Deutschland. Damals war der junge Arzt Harald zur Hausen fasziniert von der Erkenntnis, dass Warzen durch eine Virusinfektion entstehen – und hatte eine bahnbrechende Idee: Könnte es sein, dass Warzenviren auch Krebs auslösen? Wenn diese „Papillomviren“ Warzen im Genitalbereich verursachen, sind sie vielleicht auch Auslöser für den gefürchteten Gebärmutterhalskrebs? Und wenn das alles so wäre, könnte man dann eine Impfung gegen Krebs erfinden?

Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis zur Hausens Traum in Erfüllung ging: Im Juni 2006 wurde in den USA der erste Impfstoff gegen Krebs zugelassen, seit Oktober steht er auch in Deutschland zur Verfügung. Weitere Impfstoffe sind in der Entwicklung. Wenn sie konsequent eingesetzt werden, könnte ein Großteil der jährlich etwa 500 000 Fälle von Gebärmutterhalskrebs vermieden werden – die bei Frauen zweithäufigste Krebserkrankung wäre so gut wie besiegt.

Bereits 1983 isolierte zur Hausens Team das Humane Papillomvirus (HPV) 16, das zusammen mit HPV-18 etwa 70 Prozent der Gebärmutterhalskarzinome verursacht. Kurz darauf wurde der Mechanismus der Krebsentstehung weitgehend aufgeklärt: Junge Frauen infizieren sich beim Geschlechtsverkehr mit Papillomviren, die sich ohne Symptome in der Genitalschleimhaut einnisten. Die Viren stimulieren die Zellen der Schleimhaut zu unkontrolliertem Wachstum, bis nach Jahrzehnten der Krebs entsteht. Viele meinen, dass zur Hausen dafür der Nobelpreis zusteht.

Dass die Entwicklung des Impfstoffes danach so lange dauerte und in den USA und nicht in Deutschland zum Erfolg führte, hat einen unglaublichen Grund: Die Impfstoffhersteller, wie die damals renommierten Behringwerke in Marburg, hatten kein Interesse. Die Krebsauslösung durch HPV sei nicht ausreichend bewiesen, dazu bestünden nur geringe Gewinnaussichten.

Davon ist keine Rede mehr. Der Impfstoff ist mit 465 Euro exorbitant teuer, der US-Hersteller Merck wird damit ein Vermögen verdienen. Frauen in den Entwicklungsländern, die wegen mangelhafter Krebsvorsorge besonders auf die Impfung angewiesen wären, können sich das nicht leisten.

Aber auch in Deutschland dürfte der hohe Preis zu vermeidbaren Krebserkrankungen führen. Seit Inkrafttreten der Gesundheitsreform müssen die gesetzlichen Kassen zwar alle öffentlich empfohlenen Impfungen erstatten. Die „Ständige Impfkommission“ empfiehlt die HPV-Impfung jedoch ausschließlich für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren – Frauen ab 18 müssen selbst bezahlen.

Wissenschaftlich ist das nicht nachvollziehbar. Es ist zwar sinnvoll, Frauen möglichst früh zu impfen, am besten noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Wenn diese nämlich gerade unbemerkt eine Infektion mit HPV-16 oder -18 durchmachen, bleibt die Impfung für den jeweiligen Virustyp wirkungslos. Jedoch funktioniert die Immunisierung gegen das andere der beiden Krebsviren auch dann einwandfrei. Davon abgesehen sind die meisten Mädchen mit 17 Jahren noch nicht mit HPV-16 oder -18 infiziert, rund 30 Prozent hatten überhaupt keinen Geschlechtsverkehr. Auch bis zum 25. Lebensjahr ist die Hälfte der Frauen noch nicht infiziert. Folgerichtig zeigten mehrere Studien, dass die Impfung vor Krebs schützt, wenn sie bis zum 26. Lebensjahr durchgeführt wird – mit einer Zuverlässigkeit von beinahe 100 Prozent. Die US-Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt die HPV-Impfung deshalb bis zum 26. Lebensjahr.

Richtig wäre es, die Impfung in Deutschland zumindest für alle Frauen bis 26 als gesetzliche Kassenleistung anzubieten. Wie es derzeit aussieht, müssen die Frauen in Deutschland und den Entwicklungsländern jedoch ein paar Jahrzehnte warten, bis sie von dem nobelpreiswürdigen Durchbruch profitieren. Nicht nur Wissenschaftler, auch Frauen brauchen viel Geduld.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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