Tempelhof : Ohne Seele

Eine Weltstadt schließt keine Flughäfen – das ist die stadtpsychologische Folie, ohne die man die merkwürdige Zuneigung zu dem Airport in Tempelhof, den inzwischen kaum noch jemand nutzt, nicht begreifen kann. Ein Kommentar von Moritz Schuller.

Der Regierende Bürgermeister erinnert in diesen Tagen an jene Shell-Manager, die immer wieder betonten, wie sinnvoll es doch sei, ihre veraltete Bohrinsel im Meer zu versenken. Am Ende sanken die Umsätze an den Tankstellen und die „Brent Spar“ wurde aufwendig an Land entsorgt.

Auch der Flughafen Tempelhof ist so eine alte Bohrinsel, und der Saft, der noch immer aus all seinen Rohren und Räumen tropft, ist die Vergangenheit dieser Stadt. Und die lässt sich nicht einfach stilllegen, auch wenn Klaus Wowereit trotzig darauf beharrt.

Flughäfen sind von Natur aus emotionale Orte, sie leben, tagaus, tagein vom Abschied und von der Wiederkehr. In West-Berlin, wo der Russe in acht Minuten am Ku’damm gestanden hätte, waren sie das, aber noch viel mehr: eine Lebensader. Eine solche Stadt schließt keine Flughäfen – das ist die stadtpsychologische Folie, ohne die man die merkwürdige Zuneigung zu dem Flughafen in Tempelhof, den inzwischen kaum noch jemand nutzt, nicht begreifen kann. Es ist bemerkenswert, dass den West-Berliner Wowereit, der vermutlich auch in Tempelhof zum ersten Mal in ein Flugzeug gestiegen ist, gerade hier sein politischer Instinkt verlassen hat. Man solle die Diskussion um Tempelhof nicht „zu emotional“ führen, riet er, ohne zu verstehen, dass man die Diskussion um ein Stück Berliner Innenleben gar nicht anders als emotional führen kann.

Er degradiert stattdessen den historischen Ort zum Joker: Tempelhof muss schließen, damit Schönefeld kommen kann. Doch der Flughafen Berlin-Brandenburg-International ist ein Phantasiegebilde, das so lange auf sich warten lässt, weil das Bedürfnis nach einem Großflughafen in der Stadt besonders groß offenbar nie war. Wozu also nun die innerstädtische Abwicklung mit so großer Eile? Wozu der Streit mit dem Bund, der sich für die Offenhaltung Tempelhofs bis zur Eröffnung von BBI stark gemacht hatte?

Den Widerstand gegen die Schließung von Tempelhof als Ausdruck kleinbürgerlicher West-Berliner Bewahrungsmentalität, als Bahnhof-Zoo-Syndrom abzutun, ist naiv. In ihm manifestiert sich eine Skepsis, die durchaus angebracht ist, wenn Politiker, die keinen Plan haben, Fakten schaffen. Wo sind denn die verführerischen Vorschläge für das riesige Gelände? Was, wenn man sich einmal ganz unsentimental gibt, ist denn geplant? Tempelhof- Arcaden und ein Riesenrad auf dem Rollfeld? Rückkehr der Love Parade? Chinapfannen? Dieses historische Gelände dicht zu machen, ohne Lust darauf zu entfachen, was daraus werden kann, dabei nur von „Zwischenlösungen“ zu reden, wie es die Senatsbaudirektorin tut, das ist in Wahrheit jene seelenlose Stadtplanung, die abwickelt, aber sich nichts traut.

Der Streit um Tempelhof ist nur das vergleichbar harmonische Vorspiel zu dem, was bei der Abwrackung der nächsten, vollkommen funktionstüchtigen Bohrinsel droht: Auch Tegel wird sich kaum im Meer versenken lassen. Die 100 000 Unterschriften, die für die Offenhaltung von Tempelhof gesammelt wurden – für Tegel kriegt man die an einem Tag zusammen. Offenbar stößt das gesamte Flughafenkonzept, wenn man es so nennen möchte, noch immer nicht auf viel Gegenliebe. Das mag dem einen oder anderen übertrieben emotional erscheinen. Dass jedoch auch der Regierende Bürgermeister meint, die Berliner hätten zu starke Empfindungen für ihre Stadt, ist grotesk.

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