Tempelhofer Wirklichkeit : Es gibt nicht nur eine Vision für das Flughafengelände

19.11.2010 18:42 UhrVon H. Schmitz, G. Steindorf

Der Flughafen heißt jetzt Tempelhofer Freiheit. Wir wollen das Gelände in die Stadt integrieren und es für die Menschen attraktiv gestalten. Die Bürger können mitplanen.

Architekt Bernhard Schneider und Professor Ernst Elitz, Dozent an der Freien Universität und Mitglied im Beirat der Stiftung Zukunft, hatten in einem Beitrag für den Tagesspiegel die „provinzielle Nutzung“ des Flughafens kritisiert. Auf diese Position antworten Hardy R. Schmitz und Gerhard W. Steindorf. Schmitz ist Mitglied im Förderkreis der Stiftung Zukunft Berlin und zusammen mit Steindorf Geschäftsführer der Adlershof Projekt GmbH.

Der Weg in die Zukunft führt durch die steinige Ebene der Gegenwart. Beispiel: Masdar City, die grüne CO2-freie „Stadt der Zukunft“, die für 22 Milliarden US-Dollar in die Wüste von Abu Dhabi gebaut werden soll.

Inzwischen haben auch die Scheichs gemerkt, dass Geld doch eine Rolle spielt, und verkleinern nun den von Norman Foster entworfenen Masterplan. Wenn schon die reichen Vereinigten Arabischen Emirate Schwierigkeiten haben, Großprojekte zu finanzieren, wie lange kann es sich Berlin leisten, auf den einen Investor mit viel Geld und guten Ideen zu warten?

Ein Blick auf die Realitäten gibt die Antwort: Im Sommer 2009 bekam die landeseigene Adlershof Projekt GmbH den Auftrag, ein Leitbild und ein städtebauliches Konzept für die Gesamtentwicklung des Flughafens zu erarbeiten. Das Land erwartete mit Blick auf den Haushalt zu Recht auch wirtschaftliche Impulse. Wir haben mit unseren Mitarbeitern des „Tempelhof-Projekts“ ein Jahr lang Ideen gesammelt, Befürchtungen gehört, Visionen wahrgenommen und Bedürfnisse aufgespürt. Mit 150 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und Sport wurde gesprochen. Wir haben Workshops mit Bürgern veranstaltet, auch Kritiker kamen zu Wort. Eine monothematische Großnutzung, die das gesamte riesige Gebiet unter ein einziges visionäres Thema stellt und auch nur ansatzweise finanzierbar wäre, trat dabei nicht zutage.

Bleiben wir also beim Machbaren: Berlin bekommt einen Park, der mit 240 Hektar so groß ist wie der Hyde Park in London. Ein Park für alle, ohne Flugzeuge, dafür mit Start- und Landebahnen und dem drittgrößten Gebäude der Welt. Es ist denkmalgeschützt und bleibt erhalten. Es wird in Tempelhof immer ein Erinnern geben – nicht nur an die Luftbrücke, sondern auch an Zwangsarbeit und Konzentrationslager. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Der Flughafen heißt jetzt Tempelhofer Freiheit. Der Name nimmt Bezug auf die Geschichte des Ortes und ist ein Versprechen für die Zukunft. Wir wollen das Gelände in die Stadt integrieren und es für die Menschen attraktiv gestalten.

Wozu braucht Berlin die Tempelhofer Freiheit? Wir haben dafür ein Leitbild entwickelt, das die wichtigen Themen des 21. Jahrhunderts aufgreift: Bildung, Integration, nachhaltiges Wirtschaften, Gesundheit, interreligiöser Dialog, Zukunft der Arbeit. Diesen Fragen muss sich Berlin stellen. Und die Tempelhofer Freiheit wird sie beantworten. Die Entwicklungslogik basiert auf dem Tempelhofer Park. Er ist das Gravitationszentrum für die Entwicklung an den Rändern. Schon heute suchen Hunderttausende dort Erholung und treiben Sport. Dieses Gesundheitsbewusstsein greifen wir auf und entwickeln am Columbiadamm ein Gesundheitsquartier mit Präventionsangeboten und ambulanten Rehabilitationseinrichtungen.

Ein neues Quartier für lebenslanges Lernen kann am Tempelhofer Damm entstehen, falls der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek beschlossen wird. Dies ist eine moderne, urbane Bibliothek des 21. Jahrhunderts mit der spektakulären Kulisse des Tempelhofer Parks vor der Tür. Ein Leuchtturm des Wissens, der auch im digitalen Zeitalter Bestand hat.

Das Flughafengebäude ist für die nächsten zehn Jahre durch die Vermietung an die Modemesse Bread & Butter als Event-Ort festgelegt. Das einmalige Ensemble von Hangars, Nebenräumen, Eingangshalle und Vorfeld wird als „Bühne des Neuen“ immer beliebter für die Präsentation neuer Produkte und Konzepte. Strukturell muss das Gebäude hierfür nicht verändert werden. Der Berliner Haushalt wird im Gegensatz zu allen anderen Nutzungen geschont.

Am Anfang der Entwicklung stehen die sogenannten Pioniernutzer. Sie können auf dem Tempelhofer Feld ihre sozialen, kulturellen und unternehmerischen Projekte umsetzen, lange bevor die ersten Kräne aufgebaut werden. Die „Tempelhofer Freiheit“ bietet Raum für insgesamt 200 Pionierprojekte. Das Land geht mit der Entwicklungsstrategie vollkommen neue Wege. Es nimmt die mündigen Bürger ernst und beteiligt sie über das normale deutsche Planungsrecht hinaus.

Lange vor „Stuttgart 21“ war uns klar, dass in einem Projekt mit den Dimensionen der Tempelhofer Freiheit die Menschen Verantwortung übernehmen können und sollen. Diese kreative Stadtgesellschaft als Kleingärtner und Currywurstbräter zu verhöhnen, wie es manche Kritiker tun, verkennt die Identifikation der Berliner mit diesem Ort. Die Tempelhofer Freiheit braucht engagierte Bürger, die ihre Stadt mitgestalten wollen.

Das wirklich Große ist nicht mehr das, was den Menschen klein wirken lässt, sondern was neue Räume schafft und die Komplexität des urbanen Lebens ernst nimmt.

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