Meinung : Terminlicher Fadenriss

„Können wir heute noch groß bauen?“

vom 9. Dezember

Natürlich können wir heute noch groß bauen! Wir müssen nur zur Kenntnis nehmen, dass Großbauprojekte der im Artikel beschriebenen Größe schon seit Hunderten von Jahren nach den gleichen Logiken und den gleichen Risiken ablaufen und realisiert werden. Von den Pyramiden in Ägypten über die Dome und Kathedralen des Mittelalters in Europa bis zu den Projekten unserer jüngsten Vergangenheit, wie das ICC in Berlin, der Flughafen München-Riem oder der Ausbau des Frankfurter Flughafens zum Drehkreuz des Flugverkehrs in Europa, immer sind es Prestigeprojekte großer zeitlicher und finanzieller Dimension mit einer Vielzahl von Unwägbarkeiten in allen Phasen des Projektes. Da dies so ist, wird die Kostenabschätzung für die Realisierung immer unterdimensioniert, damit das Projekt überhaupt eine Chance zur Bewilligung des Kostenrahmens hat.

Die zu planenden Kosten für die Projektrisiken werden immer zu niedrig angesetzt, damit die Relation zwischen den Kosten für die Realisierung und den Kosten für Beseitigung unvorhersehbarer Probleme vertretbar erscheint. In der Realisierung werden dann die auftretenden Probleme kleingeredet, damit durch die zeitliche Streckung ihrer Beseitigung die zusätzlichen Kosten nicht so schnell sichtbar werden. Die dadurch zwangsläufige Verlängerung der Realisierungszeit führt automatisch zu weiteren Erhöhungen der Kosten. Damit einher geht die Tatsache, dass mit der Realisierung die technische und technologische Ausstattung der Projekte bis zur Inbetriebnahme bereits veraltet ist. Daher beginnt dann meist kurz nach der Inbetriebnahme bereits die etappenweise Modernisierung. Projekte dieser Größenordnung dauern daher fast immer zwei- bis dreimal so lange, die Kosten erhöhen sich bis um das Vierfache und trotzdem sprechen dann alle Verantwortlichen von erfolgreichen Jahrhundertprojekten. Das dies so ist, dass wissen alle Architekten, Planer, genehmigende Gremien und Politiker bis zu den realisierenden Firmen. Es ist daher nicht das Versagen des Systems, auch wenn es in dem einen oder anderen Fall extreme Ausreißer und Fehler im Management gibt. Es ist die Realität des Systems „Großprojekte“. Dies muss man akzeptieren oder keine Großprojekte mehr in Angriff nehmen – aber wer will denn Letzteres.

Klaus-Dieter Busche,

Berlin-Lichtenberg

Dass aufgrund überbordender Komplexität fast schon eine Unbeherrschbarkeit eingetreten ist, wurde trefflich skizziert. Mehr noch, als dass durch zwischenzeitliche Gesetzesänderungen teilweise völlige Umplanungen stattfinden, mehr noch, als dass jeder, der irgendwie irgendwo zu Rang und Namen gekommen ist, mitreden will, mehr noch als das halte ich persönlich den Zeithorizont keinesfalls für zu lang, sondern für zu kurz. Zu lang erscheint es oft deshalb, weil jeder Monat, jeder Tag und fast schon jede Stunde beziffert wird, ein ungeheurer Druck zur schnellen, oft genug überhasteten Fertigstellung auf allem liegt. Jeder Handwerksbetrieb, der aus Gründen purer Liquiditätssicherung Parallelbaustellen laufen hat und deshalb nicht rankommt, führt da zu einem terminlichen Fadenriss. Dagegen wäre ein Einräumen zeitlicher Margen grundsätzlich sinnvoll, bei den Kosten – mit Verlaub – auch: Keine Fixtermine, sondern ungefähre Zeiträume, an deren Ende dann durchaus auch ein symbolisches Datum stehen kann. So bei den Kosten: Läge tatsächliche Vision dahinter, die ihren Namen verdient und nicht erst per hunderttausendfach verteilten PR-Broschüren unters Volk gebracht werden muss, sähe die Sache anders aus.

Die Dresdner, anfangs noch überwiegend skeptisch wegen der Wiedererrichtung ihrer Frauenkirche, scheinen mittlerweile durchweg begeistert von dem Bauwerk. Ein Flughafen, der in 30 Jahren einen Totalumbau erfährt und in 50 oder 60 Jahren – binnen eines Menschenlebens – seinen kalkulierten Abriss, wird diese Vision und diese Bedeutung ebenso wenig erlangen können wie ein technisches Zweckbauwerk, bei dem Menschen statt ins Tageslicht künftig in die Röhre schauen sollen.

Eine kesse, doch hoffentlich keineswegs unverfrorene Frage am Schluss: Wenn Demokratie sich mittlerweile nicht nur in Vier- oder Fünf-Jahres-Perioden, sondern aufgrund stets bedeutender zwischenzeitlicher Landtagswahlen woanders manchmal nur in einer Jahresperiode agiert: Wie passen erforderlicherweise längere Zeithorizonte mit einem immer stärkeren „Zusammendrücken“ der Zeit zusammen, was nicht gegen die Demokratie an sich spricht, nur dafür, trotzdem Gestaltung für längere Zeitperioden zu ermöglichen?

Helmut Krüger, Potsdam

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