Meinung : Terror gegen USA: "Das kann auch uns treffen"

Markus Feldenkirchen[Hans Monath],Robert von R

Der Abgeordnete Michael Müller wandelt geistig abwesend aus dem Saal seiner sozialdemokratischen Fraktion, vorbei an den Kameras, in die hinein gerade Prominentere sprechen. Müllers Blick ist auf den Boden gerichtet. Die Stimmung unter seinen Kollegen, eben bei der kurzen Sondersitzung, zu der die Fraktionschefs aller Parteien spontan gerufen hatten, beschreibt er mit einem Wort: "Ohnmacht".

Denn über ein Jahr hat Michael Müller täglich der Gedanke an seine fünf Freunde verfolgt, die im vergangenen Jahr beim Absturz der Concorde ums Leben kamen. Der Gedanke daran, was in ihnen vorgegangen sein muss in den Minuten, in denen das Flugzeug zu Boden taumelte. "So ähnlich", sagt Michael Müller im Gedränge des Reichstags, "muss es den Menschen heute im World Trade Center gegangen sein, als die Gebäude schon brannten, bevor sie einstürzten." Dann geht Müller zum Aufzug, er schüttelt den Kopf und murmelt nur: "Furchtbar, grausam."

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Hintergrund: Terrorangriffe auf Ziele der USA Viel gibt es in den Sitzungen der Fraktionen an diesem Abend nicht zu besprechen: Die Haushaltswoche wird auf das Allernötigste begrenzt, keine Aussprache gibt es im Plenum. Aber darum geht es nicht. "Wenn etwas so Schreckliches passiert, möchte man in seiner Bestürzung nicht alleine sein, auch Politiker wollen das nicht", sagt Dieter Wiefelspütz (SPD), der am Nachmittag vor dem Bundestag eigentlich eine Rede halten sollte, ausgerechnet zum Haushaltspunkt Innere Sicherheit. Doch Bundestagsvizepräsidentin Anke Fuchs von der SPD brach die Sitzung kurz vor seinem Auftritt ab. "Wir sollten nicht so tun, als ob wir die Debatte einfach fortsetzen könnten", sagte Fuchs den konsternierten Abgeordneten.

Und so folgt auf den Tag der hitzigen Debatten der Abend der Nachdenklichkeit im übervollen Reichstag. Auch der sonst so eloquente Kulturstaatssekretär Julian NidaRümelin ringt nach passenden Worten. Weil es sie an diesem Tag, zu diesem beispiellosen Ereignis nicht gibt, spricht auch er dann von einer "menschlichen Tragödie sondergleichen" und schaut starr auf den Großbildschirm zwischen den Fraktionssälen, auf dem die Bilder des Schreckens wieder und wieder gezeigt werden. Doch so oft man sie hier auch anschaut, verstehen kann man sie nicht.

Der Parteienstreit schweigt

An diesem Abend wirkt die innerparteiliche Auseinandersetzung des Vormittags unwirklich, sehr weit entfernt. "In dieser Woche wird der Streit zwischen den Parteien schweigen", sagt Unions-Fraktionschef Friedrich Merz. Bundeskanzler Gerhard Schröder könne sich jetzt auf die "uneingeschränkte Unterstützung" seiner Partei, der Union verlassen.

Viele Abgeordnete sprechen über die böse Ahnung, dass sie vor dem Fernsehschirm an diesem Nachmittag ein welthistorisches Ereignis mit womöglich schlimmen Folgen für die Stabilität der internationalen Beziehungen erlebt haben. Es wird spekuliert, wer die Schuldigen sind und was sie möglicherweise erwartet: "Was passiert, wenn die Amerikaner zurückschlagen?", fragt etwa der FDP-Verteidigungsexperte Jürgen Koppelin: "Und was passiert im Nahen Osten, wenn sie losschlagen?"

"Vielleicht haben wir Warnungen aus dem Nahen Osten nicht ernst genug genommen", zweifelt auch CSU-Chef Edmund Stoiber. Und der SPD-Abgeordnete Michael Roth sagt: "Wenn palästinensische oder arabische Terroristen dahinter stecken sollten, sind wir im Nahen Osten um zwanzig Jahre zurückgeworfen." Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz fürchtet ebenfalls: "Als Erstes ist eine neue Eskalation in Nahost zu befürchten."

Vielen Abgeordneten kommen düstere Vorahnungen. Verteidigungs-Staatssekretär Walther Stützle berichtet der Unionsfraktion von Freunden aus dem Pentagon, die in den Anschlägen "ein zweites Pearl Harbor" sähen. Die Gleichsetzung mit dem japanischen Angriff auf Hawaii wird später von mehreren CDU-Politikern aufgegriffen. Der Unions-Außenpolitiker Karl Lamers berichtet: "Der erste Gedanke war Schock. Der zweite war: Das könnte der Beginn eines Dritten Weltkrieges sein." Volker Rühe warnt: "Das geht nicht nur die USA an, das kann uns auch treffen."

Sein eben noch umstrittener Amtsnachfolger Rudolf Scharping sagt, er habe die "sehr ernste Sorge, dass dies die internationale Sicherheitslage grundlegend verändert". Aus einer Sicht bestätige dies "auf schreckliche Weise die Warnungen der letzten Jahre", sagt der Verteidigungsminister. Viele Spitzenpolitiker, darunter neben Scharping auch der Bundeskanzler und sein Kontrahent Edmund Stoiber, sprechen übereinstimmend von einer "Kriegserklärung", die da gegen die demokratische Welt ergangen sei.

Während auch in den Ministerien in informellen Runden schon mögliche Szenarien durchgesprochen werden, enthalten sich andere Regierungsmitglieder öffentlich jeder Spekulation: "Die freie Welt ist in einem Schockzustand", sagt Außenminister Joschka Fischer, "jetzt müssen wir erst einmal abwarten." In der Fraktionssitzung der Grünen, die viele Teilnehmer in bedrückter Stimmung erleben, empfiehlt der Außenminister den Abgeordneten ausdrücklich, sich bei den nun kommenden vielen Diskussionen in der Bewertung der Ereignisse zunächst zurückzuhalten.

Gerade zurückgekehrt

Fischer selbst war gerade von einem Termin ins Auswärtige Amt zurückgekehrt, als im Vorzimmer des Ministers die Bilder aus New York über den Schirm liefen. Auch bei Fischer und seinen Mitarbeitern war die erste Reaktion zunächst Ungläubigkeit - bis das zweite Flugzeug in das World Trade Center krachte.

Damit waren die Zweifel ausgeräumt und es war klar, dass man es in New York nicht mit einem Unfall zu tun hatte. Fischer telefonierte am Nachmittag mit europäischen Außenminister-Kollegen. Auf amerikanischer Seite erreichte er den neuen US-Botschafter in Berlin, Dan Coats. Sein Bemühen bringt Fischer dann am Abend vor der Fraktionssitzung auf die Formel: "Das ist jetzt die Stunde der Solidarität."

Aber eben nicht nur die Politiker auf den Fluren des Reichstags zeigen sich an diesem Dienstag bestürzt und verunsichert angesichts der Bilder von den zusammenstürzenden Türmen in Manhattan. Bei der parlamentarischen Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, Karin Göring-Eckardt, melden sich telefonisch ihre Kinder. Sie wollen von ihrer Mutter wissen: "Bricht nun der Atomkrieg aus?" Ein gutes Gefühl, so berichtet die Bundestagsabgeordnete später, hatte sie nicht, als sie ihre Kinder zu beruhigen versuchte. Angst um seine Tochter hat an diesem Tag auch Rudolf Scharping: Sie ist, so berichtet er den Abgeordneten der FDP, zurzeit in New York.

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