Terror in London : Mitten unter uns

Der Anschlag in London zeigt eines: Die Gefahr, die von einer Minderheit im Westen ausgeht, hat sich gewandelt. Es schält sich jener Typus heraus, der jahrelang „mitten unter uns“ gelebt hat und sich unbemerkt radikalisierte. Das erschwert den Kampf gegen den Terror.

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Der Ort des Anschlags in London.
Der Ort des Anschlags in London.Foto: AFP

Warum hassen sie uns? Diese Frage wird im Westen oft nach einem Terroranschlag radikaler Muslime gestellt. Dreierlei steckt dahinter. Erstens das Erschrecken über die Bestialität der Tat. Zweitens die Suche nach einer Erklärung. Drittens aber auch die Neigung, aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer zu machen. Keine Begründungsnot sollte diesen Verdacht provozieren. Warum hassen sie uns? Wer diese Frage nach der Bluttat in London stellt, könnte sie ebenso in Bezug auf in Deutschland lebende Türken nach den NSU-Morden oder dem Massenmord von Anders Behring Breivik gestellt haben. Eine absurde Vorstellung.

Es ist falsch, die Mörder von London zu pathologisieren

Falsch ist es auch, die Täter zu pathologisieren oder ihr Selbstverständnis in Abrede zu stellen. Nach allem, was man weiß, waren die Täter in London zurechnungsfähig und hatten eine klare politische Botschaft. „Wir schwören bei Allah, dem Allmächtigen, dass wir niemals aufhören werden, euch zu bekämpfen“, rief einer von ihnen. Sie harrten am Tatort aus, bis die Polizei eintraf, forderten bis dahin Passanten auf, sie in blutverschmierter Pose zu filmen und zu fotografieren. Sie inszenierten ihr Verbrechen und sorgten dafür, dass das Echo immer lauter wird. Ohne Bilder keine Angst. Solche Bilder gehen durch Mark und Bein.

Deshalb sollten sie nicht gezeigt werden. Bilder können dokumentarisch, aufklärend und aufrüttelnd sein. Man denke nur an das Massaker von My-Lai während des Vietnamkrieges oder die Folterer von Abu Ghraib. Das muss veröffentlicht werden, weil es vertuscht werden sollte. Doch Propaganda ist das Gegenteil davon. Mit ihrer Hilfe wollen die Terroristen ihre Botschaft verbreiten – wie jetzt in London und wie vor elf Jahren, als Al-Qaida-Mitglieder vor laufender Kamera den Journalisten Daniel Pearl köpften. Wer Terroristen die Macht über solche Bilder gibt, ermuntert Nachahmer.

Vor allem in der muslimischen Welt gibt es ein Problem mit Terroristen

Und schließlich, was vielleicht am wichtigsten ist: Nicht nur im Westen, sondern vor allem auch in der muslimischen Welt – die Liste reicht von Syrien über den Irak und Jemen bis nach Pakistan, Afghanistan und Mali – gibt es ein Problem mit Terroristen, die sich auf den Islam berufen. Wer das abstreitet, um keine Islamfeindschaft zu schüren, verweigert sich der Realität. Was man allerdings betonen muss, weil es leider nicht selbstverständlich zu sein scheint: Nur ein Bruchteil aller Muslime neigt zur Gewalt, die große Mehrheit lebt friedlich.

Die Gefahr, die von der Minderheit im Westen ausgeht, hat sich freilich gewandelt. Vom versuchten Kofferbombenanschlag über die Sauerland-Gruppe bis zu den Attentätern von Boston und London schält sich immer stärker jener Typus heraus, der jahrelang „mitten unter uns“ gelebt hat, sich unbemerkt radikalisierte und wenn überhaupt, dann eher lose mit klassischen Terrororganisationen verbunden war. Das erschwert den Kampf. Weder Grenzkontrollen noch Drohnen oder gar Militärinterventionen helfen bei der Abwehr. Dennoch kursieren immer wieder Meldungen über vereitelte Attentate. Sie können als beruhigend empfunden werden, weil immerhin die Vereitelung erfolgreich war, oder als beunruhigend, weil sie offenbar derart oft notwendig ist.

Auch die Attentäter von London lebten unauffällig und angepasst

Einsame Wölfe fanatisieren sich meistens übers Internet. Es hilft ihnen, sich ideologisch von anderen Wahrnehmungswelten abzuschotten. Diskurs und Streit werden vermieden, Vorurteile zementiert. Das Resultat sind parallel gelebte Leben. Das eine unauffällig, angepasst, bürgerlich, das andere kaltblütig, militant, radikal. Motive und Opferauswahl von islamistischen Terroristen und Ausländerfeinden wie Breivik mögen verschieden sein, ihr Weg ins massenhafte Verbrechen indes ähnelt sich oft frappierend.

Einfache Rezepte dagegen gibt es nicht. Je enger wir uns an die Fiktion klammern, dem Spuk morgen ein Ende bereiten zu können, desto ehrgeiziger könnte die Gegenseite werden, uns das Gegenteil beweisen zu wollen. Gewonnen wäre schon viel, wenn die Zivilgesellschaft zum Konsens zurückfände, wer Täter und wer Opfer ist – und dass es keinen einzigen Grund gibt, jemanden so zu hassen, dass er ihn bestialisch ermordet.

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