Meinung : Terror vergeht nicht

Flucht in die Ästhetik: Das neue Konzept der RAF-Ausstellung in Berlin

Werner van Bebber

So, wie es jetzt gekommen ist, haben sich die Ausstellungsmacher von den Berliner „Kunst-Werken" die Entmystifizierung der RAF-Terroristen nicht vorgestellt. Sie hatten zeigen wollen, wie die bildende und die populäre Kunst auf die Terroristen reagiert. Das wollten sie zunächst in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Wissenschaftler Wolfgang Kraushaar, der sich am Hamburger Institut für Sozialforschung mit 1968 und den Folgen befasst. Als dann die ersten Ideen für die Schau bekannt wurden, zuckten Politik und Öffentlichkeit in antrainierten Reflexen. Eine Terrorbande verdient keine Ausstellung, hieß es von konservativer Seite. Keine Zensur, tönten alle, die sich für progressiv halten.

An dem Streit waren die Leute von den Kunst-Werken nicht ganz unschuldig. In ihren durch die Republik gemailten Papieren beschrieben sie ein kompliziertes und interessantes Konzept, in dem allerdings die Leute nicht vorkamen, deren engste Angehörige durch die Terroristen starben. Als „Bild“ den Kunstwerkern diesen kaltherzig begangenen Fehler um die Ohren schlug, war es fast zu spät. Sie versprachen, die mittelbaren Opfer der Terroristen einzubeziehen, doch da debattierte das Land wie zum allerersten Mal über die RAF. Die Politiker sprangen in die Schützengräben. Kulturstaatsministerin Christina Weiss, mit dem Projekt RAF-Ausstellung von Beginn an befasst, verlangte jetzt, was sie viel früher hätte fordern können: dass die Angehörigen der RAF-Opfer einbezogen werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung und das Hamburger Institut bestritten alle Absprachen mit den Kunst-Werken.

Der Streit zeigte zweierlei: Der Terrorismus der RAF ist nicht bloß in einigen schlechten Filmen aus jüngster Zeit verklärt und von der Modeszene ikonisiert worden – er ist auch keineswegs schon Geschichte. Der Streit um das, was die RAF war und wie der Terrorismus die Republik verändert hat, schwelt vor sich hin. Nun haben die Kunst-Werke ein neues Konzept vorgelegt: Es verheißt den Rückzug auf die Kunst als Thema. Dabei hat der Streit über das Ausstellungsvorhaben bewiesen, dass die Kunswerker mit ihrem breiten Ansatz, der Geschichte und Kunstgeschichte verbinden sollte, richtig lagen: Eine ambitionierte und fundierte Befassung mit der RAF böte die besten Chancen, ein paar Dinge über Politik und Mord klarzustellen. Es ist erstaunlich genug, dass die von hochfliegenden Gedanken leicht verführbaren Polit-Feuilletonisten sich das Projekt vornahmen, während das Deutsche Historische Museum schweigt.

Nun geben sich die Ausstellungsmacher bescheiden: Das neue Konzept handelt vor allem von der Kunst. Der demütige Rückzug ins Fachgebiet, der Verzicht auf den großen Zusammenhang soll den politischen Streit über Sinn und Berechtigung einer solchen Schau entschärfen. Ob das gelingt? Die Gefahr der „Mystifizierung“ wird nicht kleiner, wenn man alles Dokumentarische außen vor lässt und sich ganz auf künstlerische Reflexionen konzentriert – Leni Riefenstahl lässt grüßen. Das werden gerade diejenigen fürchten, die durch die Mörder der RAF Männer und Väter verloren haben. Warum sollten sie für eine Ausstellung etwas übrig haben, die sich weniger mit historischen Wahrheiten und wirklichen Toten befasst als mit den künstlerischen Wahrnehmungen des politischen Terrors? Und wie werden die Ausstellungsmacher mit der Modefotografie umgehen, die zur zynischen Mystifizierung von Mördern besonders viel beigetragen hat? Die neue Variante des Ausstellungskonzeptes ist für die Macher die gefährlichere.

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