Meinung : Teststrecke für den Wettbewerb

Antje Sirleschtov

Genau so haben sich Deutschlands Bahnfahrer das vorgestellt: Auf die Minute pünktlich fährt ein sauberer Zug vom Bahnsteig ab und hält ohne unnötige Verzögerung am Zielort. Freundliches und hoch motiviertes Personal verkauft nicht nur belegte Brötchen und preiswerten Kaffee. Auch die Fahrkarten, mit einem Lächeln abgeknipst, sind um die Hälfte billiger als man das von der Bahn AG gewohnt ist.

Seit gestern hat die staatseigene Bahn Konkurrenz bekommen. Nach mehreren Regionalstrecken fährt das private französische Unternehmen Connex zum ersten Mal in Deutschland auf einem Fernverkehrsgleis. Jeden Tag geht es einmal von Gera über Leipzig und Berlin an die Ostseeküste nach Rostock und zurück. Das Versprechen von Connex an seine Gäste ist ambitioniert. Bravo, mag man meinen. Endlich bekommen die Bahnbeamten unter Konzernchef Hartmut Mehdorn Druck. Wenn schon jahrzehntelange Reformbemühungen und Ermahnungen nicht dazu beigetragen haben, dass sich das Image der Bahn bei ihren Fahrgästen nachhaltig gebessert hat, dann wird jetzt die Konkurrenz dafür sorgen.

Doch die Freude kommt zu früh. Der erste Wettbewerber der Bahn im Fernverkehr muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass jetzt rasch von Nord nach Süd und Ost nach West dutzende Unternehmen mit bunten Zügen auf das Bahngleis springen und Zugfahren zu einem preiswerten Erlebnis machen. Connex startet mit der Linie Gera-Rostock nicht mehr als einen Versuchsballon. Getestet werden soll, ob in Deutschland Wettbewerb auf dem Bahngleis überhaupt funktioniert.

Für Connex ist die Rechnung simpel. Preiswertes Bahnfahren kann das Verkehrsunternehmen nur anbieten, wenn die Kosten stimmen. Die Franzosen behaupten, ihre Kalkulation geht auf, wenn mindestens jeder zweite Platz im Zug besetzt ist. Das mag im Moment noch richtig sein. Doch schon mit der nächsten Zugverbindung wird Connex über ein umfangreicheres Verkaufssystem für die Tickets nachdenken müssen. Und auch die Marketingkosten werden steigen, wenn Connex-Züge erst einmal zur Normalität gehören und Fernsehanstalten nicht mehr über den Newcomer berichten. Ob Connex dann noch hohe Leistung zu kleinen Preisen anbieten kann, wird sich zeigen. Zumal das Unternehmen bereits mit seiner Ankündigung, mit den Bundesländern über Subventionen für den Betrieb ausgesuchter Verbindungen verhandeln zu wollen, die Vermutung nährt, dass doch nicht alles schlecht ist, was die Bahn AG vorlebt.

Im Praxistest muss sich nun aber auch das verkehrspolitische Konzept der Bundesregierung bewähren. Nur unter starkem Druck gestattet Verkehrsminister Kurt Bodewig der Bahn AG, Eigentümer und Betreiber des Schienennetzes zu bleiben. Unabhängig davon, ob Züge der Bahn oder solche von Wettbewerbern auf ihnen fahren, soll die Netzgesellschaft der Bahn in Zukunft Gebühren für die Benutzung von Gleisen und Bahnanlagen erheben. Und das Bundeseisenbahnamt soll über den reibungslosen Wettbewerb wachen. Wie unabhängig das Amt letztlich ist, ob die Bahn AG die Spielregeln des Wettbewerbs auf ihren Schienen einhält und die Bundesregierung ihren Investitionsaufgaben im Netz nachkommt: Das alles wird entscheidenden Einfluss darauf nehmen, ob der Connex-Zug von Gera nach Rostock ein Einzelfall bleibt oder viele Nachahmer findet.

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