Meinung : Theater im Westen

Staatsoper und Deutsche Oper werden Nachbarn – und Rivalen

Christina Tilmann

Das Schicksal der Opernstiftung wird im Berliner Westen entschieden. Wenn es denn tatsächlich so kommt, dass die Staatsoper während der dreijährigen Renovierungszeit des Stammhauses Unter den Lindern ins leerstehende Schiller-Theater an der Bismarckstraße zieht. Die Staatsoper würde damit unmittelbare Nachbarin der Deutschen Oper, ihrer zuletzt schwer unter Beschuss geratenen Hauptkonkurrentin. Und unter den Linden, dort, wo Touristen wie Politiker abends ihr Ausgehbedürfnis stillen wollen, verbliebe allein die Komische Oper.

Die Komische Oper, als kleinstes und ärmstes Berliner Opernhaus ursprünglich der Wackelkandidat der Opernstiftung, ist ohnehin aus dem Schneider – als frischgekürtes Opernhaus des Jahres; dank eines unkonventionellen Regieprogramms des Intendanten Andreas Homoki, welches ein jüngeres, flexibles Opernpublikum erschlossen hat.

Für die Staatsoper jedoch wäre die Interimszeit mindestens ebenso eine Bewährungsprobe wie für die Deutsche Oper, die sich der dann auch räumlich näher gerückten Konkurrenz stellen müsste. Funktioniert das eher repräsentative Programm des Staatsopern-Intendanten Peter Mussbach auch im eleganten, aber nicht leicht zu bespielenden 50er-Jahre-Saal des Schiller-Theaters? Vorausgesetzt, der Bund übernimmt die Sanierungskosten – in diesen Tagen wird darüber verhandelt. Oder verdankt die Staatsoper ihren unbestreitbaren Erfolg neben glänzend aufgelegter Staatskapelle und Stardirigent Daniel Barenboim nicht auch der zentralen Lage Unter den Linden sowie dem Schatzkästlein des barocken Opernhauses?

Im besten Fall entstünde an der Bismarckstraße: ein Catwalk für Opernfreunde. Ein Opernzentrum, ähnlich konzentriert und hochkarätig wie die Museumsinsel für die Kunst. Im besten Fall profitierten beide Häuser von der neuen Nachbarschaft – mit aufeinander abgestimmten Programmen, mit einem neu für die Oper begeisterten Publikum, das endlich eine klare Anlaufstelle in der Stadt fände. Das ließe sich gemeinsam vermarkten, würde der Opernstadt Berlin Profil verschaffen.

Im schlimmsten Fall jedoch versagen beide Häuser, erweisen sich in der etwas abgeschlagenen West-Lage als nicht attraktiv genug, um ausreichend Publikum in die nicht kleinen Säle zu locken. Damit wäre zumindest der Mythos Staatsoper entzaubert – und der Weg frei für eine andere Lösung im Rahmen der Opernstiftung. Eine Lösung, die vielleicht nicht mehr von drei unabhängigen Häusern ausgeht, sondern von Ensembles, die die vorhandenen Räume flexibel bespielen, mit dem jeweils für Raumgröße und -charakter adäquaten Programm.

Über fünf Jahre schon wird über die Opernstiftung diskutiert. Drei Jahre Renovierungszeit für die Staatsoper sind nicht viel. Aber genug, um die festgefahrene Diskussion auf neuen Grund zu setzen. Interimslösungen wie die für die Staatsoper sind ein unglückliches Provisorium. Aber eben auch ein Gütetest. Zum Nutzen Berlins.

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