Meinung : Therapie für den Härtefall

Frank Schmökel wurde auch deswegen zum Mörder, weil man ihn gelassen hat

Jost Müller-Neuhof

Frank Schmökel ist jemand, der keine Gnade verdient, keine Rücksicht, kein Mitleid. Schmökel, der triebhafte, sadistisch-pädophile Gewaltverbrecher ist einfach nur dies: Eine Gefahr. Als Gefahr, nicht nur als Straftäter, ist er deshalb auch vom Landgericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Mehr geht nicht. Schmökel wird sitzen und sitzen und wahrscheinlich in der Zelle sterben. Er bekommt zu essen, darf duschen und man wäscht seine Wäsche, weil dies die Gesellschaft allen schuldet, die sie einsperrt. Mehr muss nicht sein. Akte Schmökel: erledigt.

Wirklich? Die Gefahr Schmökel ist jahrelang unterschätzt worden. Er, der mehrfach kleine Mädchen missbraucht hat und eines ermorden wollte, wäre womöglich bereits in ein paar Jahren als „austherapiert“entlassen worden und hätte, gefährlich wie er ist, vergewaltigt und noch mehr gemordet, als er jetzt gemordet hat. Schmökel ist eine Bombe. Trotzdem hat man ihm fahrlässig Freiheiten gewährt, die man ihm nie hätte gewähren dürfen. Sechs Mal konnte er so aus der Psychiatrie fliehen. Beim letzten Mal kam es zur Katastrophe. Sie war absehbar.

Für diese Fehler gibt es einen Schuldigen, es ist der Maßregelvollzug selbst. Die wenigsten wissen, was genau dahinter steckt. Das hat einen Grund: Es interessiert sie nicht. Die meisten Verbrecher hören spätestens in dem Moment auf, für die Öffentlichkeit interessant zu sein, in dem ein Urteil über sie gesprochen wird. Genau dort liegt das Problem. Denn der Maßregelvollzug braucht mehr Aufmerksamkeit, mehr Geld, mehr Personal – und nicht zuletzt auch ein paar mehr Maßregeln.

In den psychiatrischen Krankenhäusern wird eine heikle Balance zwischen Therapie und Sicherheit versucht. Das geschieht aufgrund der Einsicht, dass manche Straftäter nicht oder nicht allein aus freiem Willen handeln, sondern weil sie dazu hingerissen wurden, von ihren Gefühlen, von Alkohol und Drogen, von Trieb oder Krankheit. Das Kommando in den unzureichend gesicherten Anstalten haben die Ärzte. Das mag heilsam für den Verurteilten sein, doch allzu oft ist es heillos für jene, die vor ihm geschützt werden sollen. Für die Ärzte zählt nur Heilung – und sie lassen sich so ungern frustrieren wie jeder andere in seinem Beruf. Jeder gute Arzt sollte alles riskieren, um seinen Patienten zu retten. Nur nicht die Leben anderer.

Manche Rechtspolitiker fordern , den Maßregelvollzug unter Aufsicht der Justiz zu stellen und nicht mehr bei den Gesundheitsbehörden zu belassen. Das ist unnötig. Ärzte kontrolliert man am sinnvollsten durch Ärzte, die den Erfolg ihrer Arbeit nicht mit dem Schicksal ihres Patienten verknüpfen. Unabhängige Zweitgutachter bei wichtigen Entscheidungen über den Vollzug heranzuziehen, ist deshalb überfällig. Wichtig ist außerdem, das Vielerlei der Ländergesetze einheitlich zu gestalten, dort auch Kriterien für die Sicherheit der Anstalten festzuschreiben und vor allen Dingen danach zu handeln.

Mehr muss nicht sein, mehr darf nicht sein. Wer untherapierbare Täter einfach wegsperren will, vergisst, dass in allen Krankenhäusern und bei allen Krankheiten untherapierbare Patienten therapiert werden. Therapie anzubieten ist kein Gebot der Medizin, sondern der Menschlichkeit. Es gilt auch für einen Straftäter wie Frank Schmökel, einen Mann, der so krank ist, dass er sich an verwesenden Rinderleichen verging.

Dieser Schmökel soll nun ins Gefängnis kommen. Ihn dort zu behandeln, ist so gut wie ausgeschlossen. Ein Wechsel zurück in die Psychiatrie scheitert an der strikten Dualität von Maßregelvollzug und Strafhaft. Genauso wäre der hochgefährliche Schmökel ohne seine neuen Taten auch nie in ein Gefängnis überstellt worden. Eine Trennung, die dereinst, wenn die Psychiatrien sicherer sind, überdacht werden kann. Frank Schmökel hat in der Tat nichts mehr verdient – außer dieser Hilfe.

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