Thilo Sarrazin : Der raunzende Prophet

Seine jüngste Publikation "Der neue Tugendterror" bestätigt: Thilo Sarrazin bietet die Ware Untergangsprophezeiung an. Frei nach dem Motto: „Ich sage euch, wie schlimm alles kommen wird." Konkrete Probleme interessieren den Volkswirt nicht.

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Buchautor und Ex-Finanzsenator Berlins: Thilo Sarrazin.
Buchautor und Ex-Finanzsenator Berlins: Thilo Sarrazin.Foto: dpa

Innerhalb von vier Jahren hat Thilo Sarrazin sein drittes umfangreiches Buch vorgelegt. Er ist zum Vielschreiber geworden; die beiden ersten Bücher haben 461 Seiten, das gerade vorgelegte 397.

Auch wenn es vermutlich hilfreiche Zuarbeit gab, ist die Arbeitsleistung bemerkenswert. Der Autor wirkt wie ein Getriebener, der nicht mehr aufhören kann. Was treibt ihn an? Die üppigen Tantiemen? Unwahrscheinlich. Er hat längst mehr als genug. Es muss etwas anderes sein.

Aufschluss gibt die Machart, wie er seine Bücher konstruiert: Stelle eine Vermutung auf, wie eine Erfahrung oder Entwicklung zu deuten ist und sammle dann nur „Fakten“ und Aussagen, die diese Grundannahme zu bestätigen scheinen. Lasse aber systematisch alles weg, was die Ausgangsannahme infrage stellt.

So schuf er unheilvolle geschlossene Weltbilder und Erklärungen über zukünftige Entwicklungen und wurde zum „raunzenden Propheten“ kommenden Elends. Untergangsprophezeiungen sind eine gefragte Ware in Zeiten großer Veränderungen (Globalisierung, Einwanderung, Frauenjahrhundert, kulturelle Vielfalt), in denen wir nun einmal leben, weil sie viele Verunsicherte und Ängstliche bestätigen. Sie fragen sich beispielsweise, was sollen wir mit Millionen Einwanderern aus dem muslimischen Kulturkreis? Sarrazin weiß es: „Deutschland schafft sich ab“ (2010).

Prophetie ohne Lösung

Zwei Jahre später, in seiner Schrift „Deutschland braucht den Euro nicht“, prophezeite er wirtschaftlichen Niedergang für Deutschland. Und nun versucht er sich und seine Gläubigen vor Kritik zu schützen, indem er mit „Der neue Tugendterror“ seine inhaltlichen Kritiker und die meisten Medien als Meinungsterroristen und blindwütige Gleichheitsfanatiker diffamiert.

Keine Rechenschaft, keine Verantwortung

Klar, dass bei diesen prophetischen Ansprüchen – „Ich sage euch, wie schlimm alles kommen wird“ – konkrete aktuelle Probleme den Volkswirt Sarrazin nicht interessieren, wie etwa die Wohnungsnot für Geringverdiener in den Städten oder der Anstieg von Altersarmut. Die lassen sich nämlich lösen. In der Rolle eines falschen Propheten aufzutreten, ist dagegen total unverbindlich: Es verschafft dennoch öffentlichen Einfluss, ohne Rechenschaft ablegen oder Verantwortung übernehmen zu müssen.

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