Tibet und China : Vorsicht, Implosionsgefahr

Immer mehr muss China zugeben, immer mehr an Drangsalierung, an Bedrohung, an Schüssen auf Friedfertige. Was passiert, wenn der Widerstand nicht nachlässt?

Stephan-Andreas Casdorff

Dass der Dalai Lama einen Kampf auf Leben und Tod fürchten muss, wiewohl er beständig zum Dialog aufruft und seine Bereitschaft dazu erklärt, im Gegenteil zu dem, was ihm geschieht, verschärft die Situation noch. Nicht mehr alle, vor allem nicht die jungen, Tibeter werden so ruhig und überlegt bleiben. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Auch politisch wird der Ton schärfer, auch vonseiten des Westens, aus der EU. Selbst die, die vorher einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking eher skeptisch beurteilt haben, drohen nun unverhohlen damit; so der Präsident des Europa-Parlaments, Hans-Gert Pöttering, ein ruhiger, ein abwägender Volksvertreter. Gut und höchste Zeit ist es, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit seinem chinesischen Kollegen noch einmal eindringlich sprechen will. Vielleicht auch darüber: Der Zusammenbruch, besser die Implosion eines Vielvölkerreichs von 1,3 Milliarden Menschen kann auch so beginnen.

China, das sind nicht nur die Han-Chinesen. Das sind, um einige der wichtigsten ethnischen Minderheiten zu nennen, in Nord-China die Mandschu, Mongolen, Ewenken, Daur; in Nordwest-China die Uiguren, Kasachen, Kirgisen; in Süd-China die Zhuang, Miao, Yi, Dong, Yao, Bai, Hani, Naxi, Tujia; und in Tibet neben den Tibetern die Salar und Tu.

Die Tibeter als Auslöser eines nationalen Aufstands, das klingt weit hergeholt? Wenn es in dieser Art weitergeht und der Widerstand nicht nachlässt, Chinas Führung nicht deeskaliert und die internationale Staatengemeinschaft in der Ablehnung des Pekinger Verhaltens zusammensteht, wenn die von den Chinesen so sehnlich zur Profilierung erwarteten Spiele tatsächlich boykottiert würden, dann … Der Vergleich mag hinken, aber er kommt einem in den Sinn: Die Sowjetunion gibt es auch nicht mehr.

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